Chronik
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit Brandenburg a.d. Havel
Chronik ab 1903 | - 1935 - |

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Anlage zur Chronik des Jahres 1935

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| Chronik des Jahres 1935 |

Schreiben von Kaplan Dobczynski an Landrat in Pommern ...

Betr. Ferienlager der Pfarrjugend Brandenburg / H.

Als Jugendpräses der Pfarrgemeinde Brandenburg/H. habe ich in der Zeit vom 24. Juni bis zum 12. Juli, wie alljährlich, eine Ferienerholung für die mir anvertraute Jugend geplant.
Die Mädchen habe ich für die Ferienwochen in einem Heim untergebracht, die Jungen habe ich zu einem Zeltlager zusammengestellt.
Seit 1928 bin ich in der hiesigen Pfarrei tätig. Wir haben in jedem Jahr für unsere Stadtkinder solche oder ähnliche Ferienaufenthalte geschaffen, ohne irgendwelche öffentliche Hilfen in Anspruch zu nehmen. Auch für die Ärmsten wurde gesorgt.
Vor zwei Jahren habe ich noch ein Zeltlager in der Nähe von Brandenburg/H. durchgeführt.
Im vergangenen Jahre bin ich drei Wochen lang zu Rad mit unseren Jungen durch den Harz und durch Westfalen (Halberstadt, Huysburg, Paderborn, Corvey usw.) gefahren.
Die Jungen sollen sich die deutsche Heimat erobern, sie sollen deutsche Vergangenheit und Gegenwart als ein unzerstörbare Einheit spüren. Je mehr der junge Mensch seinem Vaterlande innerlich verbunden ist, desto freudiger wird auch seine Dienstbereitschaft sein. Er weiß wofür er opfert und arbeitet.
In diesem Jahre habe ich nun mit etwa 20 Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren und einigen Helfern ein Zeltlager gehalten, und zwar im Forstrevier Roderbeck bei Uchtdorf/Pom.
(Daß dieses Revier der Hofkammer untersteht, habe ich erst dort erfahren!).
Durch Freunde und durch meinen Bruder ist Herr Oberförster Ueckermann, der dieses Revier zu verwalten hat, schon seit Jahren bekannt.
Schon vor Jahren hat er gern seine Zustimmung und Mithilfe zum Zeltlager gegeben, da er die großen Erziehungswerte eines solchen Lagers kannte.
Meine Freunde hatten in Schlesien und dann auch in Roderbeck am Rienitzsee Lager durchgeführt. So kam es, daß ich in diesem Jahre der Zusage des Herrn Oberförsters gern Folge leistete und mit meinen Jungen dorthin zog.
Die Jüngeren fuhren mit der Bahn voraus, die anderen kamen mit den Rädern nach.
Es lag mir nicht nur daran, das Lager als eine feste, ganz im christlichen Geiste geformte Erziehungsgemeinschaft durchzuführen, sondern ich wollte den Jungen wieder neue Erkenntnisse der deutschen Menschen und der deutschen Landschaft vermitteln; war ihnen bisher Pommern doch unbekannt.. Ich glaube beides ist uns gelungen.
Die Eltern, in deren Auftrag ich die Jungen als Erzieher für die drei Wochen übernahm, haben das bereits wiederholt bestätigt.
Bemerken will ich noch, daß ich auch vom Bischöflichen Ordinariat Berlin die Erlaubnis erhielt, wie auch schon in den früheren Jahren, täglich im Altarzelt das Meßopfer zu feiern, das als wesentlicher Faktor der Erziehungsarbeit nicht wegzudenken ist.
So konnten die Jungen in diesen Wochen sich nicht nur körperlich erholen - für die zum Teil recht bedürftigen Stadtjungen war Roderbeck und Umgebung ein kleines Paradies - sondern sie konnten auch seelisch wachsen.
Immer tiefer begreifen sie ihre Verpflichtung der Kirche und dem Staat gegenüber.
Daß unser Lager, allerdings erst in den letzten Tagen, vom Herrn Landrat aufgelöst wurde, hat uns tief verletzt. Da der Herr Oberförster uns nur den Befehl des Herrn Landrat ohne weitere Begründung mitteilte und uns Weisung gab, alsbald zu räumen, muß ich schon Herrn Landrat bitten, eine nähere Begründung des Verbotes zu geben. Ich müßte sonst das Verbot in Verbindung bringen mit den Aktion der beiden H.J. Amtswalter, zu der ich noch kurz Stellung nehmen möchte.
Am Samstag, den 6. Juli kamen abds. plötzlich zwei H.J. Unterbannführer ins Lager. Sie erklärten in sehr heftigem Ton, daß das Abhalten von Lagern, sowie das Wandern usw. den konfessionellen Verbänden durch eine Anordnung des Reichsjugendführers schon seit 1933 verboten sei. Auf meine Entgegnung, daß mir wohl bekannt sei, daß in einigen Regierungsbezirken Verbote der öffentliche Betätigung für kathol. Vereine beständen - die dann auch örtlich begründet wären - daß aber ein allgemeines Verbot nicht bestünde, gingen sie gar nicht ein.
Sie mußten mir selbst bestätigen, daß ein Sonderverbot für Pommern nicht bestände.
Sie beschuldigten uns staatsfeindlicher Umtriebe; wir wären hier heimlich zusammengekommen, um gegen den Staat zu arbeiten. Sie beleidigten uns, indem sie uns in Verbindung mit den Devisenschiebungen brachten. Sie machten während der Unterhaltung einige Photoaufnahmen. (Wie ich später von meinen Jungen hörte, haben sie auch von mir mindestens eine Aufnahme gemacht. Das, ohne vorher irgendwie darum zu fragen!).
Die Anschuldigungen wies ich ruhig, aber mit Nachdruck zurück. Als sie dann befahlen, das Lager sofort abzubrechen, erklärte ich ihnen, diese Anordnung nicht anerkennen zu können. Sie hätten als H.J. Streifendienst wohl das Recht Erkundigungen einzuziehen, Aufsicht auszuüben, jedoch polizeiliche Machtbefugnisse ständen ihnen laut Anordnung des Reichsjugendführers nicht zu. Sie drohten mir anderen Machtmitteln wiederzukommen.
Am nächsten Tage kamen sie in Begleitung eines Gendarmarie-Hauptwachtmeisters (Borath aus Nipperwiese). Jetzt war ihr Benehmen gegen mich und gegen einen meiner Helfer (der sogar geschlagen wurde!) geradezu frech.
Erst auf meine ganz energische Zurückweisung eines solchen Benehmens gegenüber einem Priester, mäßigten sie sich. Auch der Wachtmeister trat beruhigend auf. Auch hier wurden uns von den beiden wieder schwere Vorwürfe gemacht. Das Lager wurde durchsucht, die Personalien von allen Jungen wurden festgestellt.
Als einer meiner Jungen die H.J.- Führer photographieren wollte - wie sie am Abend zuvor uns) wurde er geschlagen. Er hatte noch keine Aufnahme gemacht, mußte aber dennoch den Film herausdrehen, der dann beschlagnahmt wurde.
Auf meine Frage konnte auch der Wachtmeister mir kein Verbot nennen, das unser Zeltlager aufhöbe. Er wollte an seine höhere Dienststelle berichten.
Die beiden H.J. Führer erklärten noch, daß sie, wenn das Lager nicht alsbald aufgelöst werde, sich an die Geheime Staatspolizei wenden würden.
Es wurde uns vom Wachtmeister aufgegeben, solange im Lager zu bleiben, bis wir Weisung erhielten.. Donnerstag früh erhielten wir dann durch den Herrn Oberförster den Auflösungsbefehl des Herrn Landrat.
Es liegt nahe, daß ich dieses Verbot mit den Meldungen der beiden H.J. Führer in Verbindung bringe. Die Vorwürfe, die beide uns gemacht haben, weise ich nochmals mit Entrüstung als unwahr zurück.
Wir haben weder geheime Zusammenkünfte gehabt, noch irgendwelche Staatsgesetze übertreten, sondern im Gegenteil mitgeholfen, deutsche Jugend gesund und stark zu machen, sie im christlichen Glauben der Väter zu befestigen, daß sie gerüstet sei für die großen Aufgaben der Zukunft.
Nur wer selbst schon Zeltlager durchorganisiert hat, weiß welche Opfer und Mühen damit verbunden sind. Allein schon die Finanzierung hat den Eltern, und auch unserer Gemeinde, die mithalf, viel Opfer gekostet. Von mir persönlich möchte ich nur bemerken, daß diese drei Wochen mein Jahresurlaub sind.
Ich kann mir nur denken, daß der Herr Landrat auf Grund falscher Informationen das Lagerverbot angeordnet hat. Um unserer deutschen Ehre willen schreibe ich diese Zeilen.
Ich wäre dem Herrn Landrat dankbar für ein aufklärendes Wort in dieser Angelegenheit.

gez. A. Dobczynski
Kpl.

 

 

 

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