Chronik
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit Brandenburg a.d. Havel
Chronik ab 1903 | - 1945 - |

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Anlage zur Chronik des Jahres 1945

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| Chronik des Jahres 1945 |

Zeitereignisse vom 2.2.-4.5.1945 - von Sr. Gilberta

 
Vom 2.2.45 bis 24.4. jeden Tag Fliegeralarm - an eine längere Nachtruhe war nicht mehr zu denken.
31.3. Karsamstag: Gegen 1/2 10 Uhr vorm. großer Terrorangriff (20 Min.!). Viele Einschläge (Bombenteppiche) in unmittelbarer Nähe unseres Krankenhauses (Polizeikaserne, Rosenhag, Humboldthain, Krematorium). Ungefähr 1 000 Tote, Ausländer nicht mitgerechnet. In unserem Krankenhaus schwere Fenster- und Türschäden. Licht, Wasser und Gas fehlte.
12.4. Tiefangriff auf den Flughafen Briest. In Brdbg. selbst kein Schaden.
20.4. Erneuter Terrorangriff auf Brandenburg. Wieder viele Todesopfer in Brandenburg. Während der Bergungsarbeiten in den nächsten Tagen andauernde Tieffliegertätigkeit über der Stadt, so daß die Bergung der Verwundeten und Toten zum Teil nicht durchgeführt werden konnte (Bergung vieler Verschütteter erst in den ersten Juniwochen). Betrieb und Verkehr schwerstens beeinträchtigt. Gas, Wasser und Licht wieder außer Betrieb.
22.4. Feindliche Panzerspitzen bei Belzig gemeldet. Große Beunruhigung in der Bevölkerung. Flüchtlingskolonnen in allen Straßen. Räumung der gynäkologischen, - der Entbindungs- und eines Teiles der chirurgischen Abteilung der Städtischen Krankenanstalten. Die Lazarette rüsten zur Flucht. Viele Ärzte verlassen das Stadtgebiet.
23.4. Verminen sämtlicher Brücken. Große Aufregung in der Stadt. Freiverkauf in allen Geschäften. Trotz der großen Unruhe in der Stadt wird die Friedensatmosphäre in unserem Gelände kaum gestört. Große Unruhe jedoch bei den Patienten. Wer kann, verläßt das Krankenhaus. Abends Versorgung der Schwestern, Hausangestellten und Altersheimer mit Lebensmitteln für ein allfälliges Verlassenmüssen des Hauses oder der Stadt. Bange Sorge vor dieser Ungewißheit.
24.4. Alarmfreie Nacht. Doch die ganze Zeit hört man Kanonendonner. 8 Uhr morgens Feindalarm. Panzerspitzen dringen von Schmerzke kommend, in das Bahnhofsgelände ein. Den ganzen Tag über heftige Straßenkämpfe um den Bahnhof. Dieses Gelände muß von der Zivilbevölkerung geräumt werden. Unsere 3 Schwestern aus der Heidestraße übersiedeln mit der notwendigen Habe zu uns. Mehrere Straßen brennen (Gr. Gartenstr., Werderstr., Kirchofstr. usw.). Starker Beschuß in der Neustadt. Die Nacht verhältnismäßig ruhig.
25.4. Letzte hl. Messe in der Kapelle. In den Vormittagsstunden Tieffliegertätigkeit und starker Beschuß in der Neustadt. Weitere große Brände in der Stadt (St. Annenstr., Temnitz, Abtstr. Rathaus, Riedel, Fauser, Kurfürstenhaus, mehrere Häuser in der Steinstr., Post, Banken). Das Dominikusstift wird von der SS als Befehlsstand eingeräumt. Bis in die späten Mittagsstunden Heranholen von Lebensmitteln. Wasser und Brot müssen täglich geholt werden, oft unter größter Lebensgefahr. Sr. Oberin läßt für die Schwestern und Mädchen beten, damit ihnen nichts Böses widerfahre. Gegen 2 Uhr Vorstoßen des Feindes von Brielow her bis zum Silokanal. Sämtliche Brücken am Kanal werden gesprengt. Einsetzen starken Beschusses auch auf die Altstadt. Erste Volltreffer in unser Krankenhaus. In der Klausur, Zimmer neben der Nachtwache, Schäden in den anderen Schwesternschlafzimmern, Volltreffer im Altersheim, (Zimmer neben dem Dachbodenaufgang lks.) und am entgegengesetzten Ende des Altersheimes.
26.4. Hl. Messe als Gemeinschaftsmesse gefeiert, auf einem primitiven Notaltar im Kellerflur neben der alten Heizung. Die Generalabsolution wird von nun an jeden Tag im Anschluß an die hl. Messe erteilt. Die Beschießung dauert mit kurzer Unterbrechung den ganzen Tag an. Beleuchtung nur mit Kerzenlicht. Alle Verletzten und Verwundeten aus den Kampftagen werden bei dieser Beleuchtung im Therapieraum von Herrn Dr. Vieten laufend ärztlich versorgt. Herr Chefarzt Dr. Wichmann war bereits am 2.4. gegen 7 Uhr abends mit seinem Lazarett getürmt. In den kurzen Kampfpausen Heranholen von Wasser und Brot. Flüchtlinge aus anderengeräumten Straßen suchen Herberge in der Altstadt. Ein Mann bricht vor Aufregung tot vor unserer Pforte zusammen. Flüchtlinge aus der Heidestr. melden, daß bereits der obere Teil dieser Straße brennt. Auch die Dreifaltigkeitskirche und der übrige Teil der Straße, sind von den Russen besetzt. Abends Einsetzen stärksten Beschusses auf die Altstadt (Trommelfeuer). 8 Uhr 20 Min. Volltreffer in unser Refektorium (Kellerflur). Die Explosion tobt sich im Refektorium aus. Das aufgespeicherte Dampfwasser des Heizkörpers (der ins Zimmer geschleudert wurde) und dessen Leitung ergießt sich in Strömen ins Refektorium und auf den Flur. Die Schwestern arbeiten mit Gasmasken wegen der großen Staubentwicklung. Sr. Kallista und Sr. Otwina waren gerade im Refektorium. Beide blieben wie durch ein Wunder verschont. Gegen 22 Uhr heftiges Pochen an der Pforte. Herr Pfarrer Jochmann bittet mit seiner Wirtschafterin um Aufnahme. Der Brand reicht schon dicht ans Pfarrhaus heran. Auch die Kirche ist in größter Gefahr.
27.4. Die vergangene Nacht zählt mit zu den schlimmsten. Mehrere Treffer ins Haus. Frauenstation: Toilette und Waschraum, Einschlag ins Verbandszimmer, Z. 67 und Z. 16. In der Klausur nochmals ins Zimmer neben der Nachtwache. Scheiben des Hauses fast sämtlich zertrümmert. Auch das Dach hat schwer gelitten. Durch den befestigten Marienberg leiden wir sehr unter dem Beschuß. Wir liegen auf diese Weise im Beschußzentrum. Im Refektorium ist keine Gemeinschaft mehr möglich (Trümmerfeld). Das Essen wird auf dem Flur, in den Bunkerräumen zwischen den Patienten stehend eingenommen. Die Küchenschwestern erfüllen treu ihre Pflicht. Merkwürdigerweise bleibt auch die Küche von größeren Einschlägen bewahrt. Es fiel keine Mahlzeit aus. Aus der Stadt erfahren wir, daß unsere katholische Kirche in Flammen steht. SS-Leute haben sie in Brand gesetzt. Der Beschuß dauert in unverminderter Stärke an.
28.4. Während der Nacht mit kurzen Unterbrechungen andauernden Beschuß. Brandenburg ist in Feuer gehüllt und vom Feind umschlossen. Die sinnlose Verteidigung geht weiter.
29.4. Sonntagsgottesdienst im Keller. Katholiken aus der nächsten Nachbarschaft holen sich Kraft und Stärke für die kommenden schweren Tage. Der zweite Gottesdienst war ausschließlich von Fremden besucht. In den Vormittagesstunden andauernder schwerer Beschuß. Ein Volltreffer wieder ins Altersheim, mehrere Volltreffer ins Waschhaus und in den Garten. In einer etwas längeren Kampfpause wieder Heranholen von Brot und Wasser. Bergen der Röntgenfilme wegen erhöhter Feuersgefahr. SS will in unserem Krankenhaus Befehlsstand einrichten, was von Herrn Dr. Vieten energisch abgelehnt wird. In den Abendstunden erhält unser Maschinenmeister, Herr Puntala, den Befehl, sich sofort beim Volkssturm zu melden (Wache in der Bergstr.). Da es sich um keinen schriftlichen Befehl handelt, wird nicht Folge geleistet. Soldaten bringen Nachricht, daß am nächsten Tag schwerstes Fernfeuer von unseren heranrückenden Ersatz-Armeen!!! erwartet wird.
30.4. Beschuß wie in den vorausgehenden Nächten. In den Morgenstunden, ab 4 Uhr, etwas mehr Ruhe. 7 Uhr hl. Messe im Keller. Kurz vor der hl. Wandlung Schlachtfliegergetöse: schlagartiges Einsetzen eines Trommelfeuers, das 8 Stunden ohne die geringste Unterbrechung anhält. Es hörte sich an, als ob die Hölle los wäre. Granate um Granate schlug unter furchtbarem Krachen ein. Einsatz der "Stalinorgel". Die hl. Messe wird weiter gefeiert. Generalabsolution anschließend. Gemeinsames Beten mit den Patienten bringt große Beruhigung. Todesnot umgibt uns. Wir rechnen nicht mehr damit, den Keller lebend verlassen zu können. Gegen 3 Uhr plötzliche STille. Bangigkeit vor dem Kommenden. Fohrderstr. und Marienberg sind vom Feinde erstürmt. Von überall her hört man fremde Laute, Gejohle und Geschrei. Es kommt zu heftigen Straßenkämpfen auch in der Bergstr. und um unser Haus. Maschinengewehrpistolen feuern in die Keller (Luftschächte) um etwaige Widerstandsnester aufzuspüren. Gegen n 1/2 5 Uhr kommen die ersten Russen unter fürchterlichem Geschrei, gezogenen Handgranaten und vorgehaltenen Revolvern in die Keller. Unsere 3 russischen Hausangestellten dolmetschen und sogeht die erste Begegnung mit dem Feind ziemlich glimpflich ab. Wir erhalten Befehl, den Keller nicht zu verlassen. Mittlerweile werden alle Räume durchstöbert, und "auf den Kopf gestellt". Verschlossene Türen wurden aufgebrochen. Soldaten suchen noch Zuflucht bei uns, werden aber vom Feind aufgegriffen und erschossen. Die ersten russischen Verwundeten werden ärztlich versorgt. Viele Menschen kommen aus der Stadt und suchen Zuflucht bei uns. Die Stadtübernahme war zu schrecklich, dazu Feuersbrände in mehreren Straßen. Ein Teil der Plauerstraße wird in Brand geschossen. Nach der übergroßen Nervenanspannung glaubte man, jetzt endlich zur Ruhe zu kommen. Es war aber Täuschung. Die folgende Nacht mit ihren Schrecken zu schildern, ist besser mündlich wiederzugeben. Wir bangten um unser Höchstes. Der kommissarische Befehl brachte erst Ruhe in den Morgenstunden (ein Kommissar mit seinem Stab war hier einquartiert).
1.5. Der Marienmonat muß ohne die hl. Messe beginnen. Die hl. Kommunion empfingen wir in kleinen Gruppen in der Stat.-Küche des Kellers, wo das Allerheiligste zur Aufbewahrung war. Die ersten Frauenopfer kommen schon am frühen Morgen ... Dies setzt sich den ganzen Tag fort. Die Menschen, ein Jammerbild! Niemand wagt es, allein zu sein. Andauernde Kontrollgänge bei Tag und Nacht. Verbot, Fremde aus der Stadt in den Krankenhäusern zu beherbergen. Entlassung aller bereits ins Haus geflüchteten Personen, andernfalls sollte das Haus in Brand geschossen werden. Unser Garten, eine Russenstellung. Auf der Frauenstation waren tags zuvor, gleich nach der Besetzung der Roten Armee Maschinengewehre aufgestellt worden. In unmittelbarer Umgebung unseres Hauses lagen die Leichen deutscher und russischer Soldaten, die fast 1 Woche liegen blieben. In den Abendstunden wurde die Plauerstraße (vom Plauerturm bis Wein Wiesecke in Brand geschossen, weil angeblich aus diesen Häusern geschossen worden war. Bergstr. 4 sollte auch Feuer bekommen. in unserem Garten wurden zu diesem Zwecke die Geschütze aufgestellt. Man nahm davon wieder Abstand. Bangigkeit vor der kommenden Nacht, die aber etwas ruhiger war als die voraufgegangene.
2.5. Man wagte noch nicht, das hl. Opfer zu feiern. Kommunion wie am Vortag. Die ersten Aufräumungsarbeiten beginnen. Große, fast noch größere Furcht vor dem Wasserholen als in den Beschußtagen. Die Betreuung der Verwundeten
3.5. Fest Kreuzauffindung. Erste stille hl. Messe in der Kapelle.
4.5. Herz-Jesu-Freitag. Wieder stiller Gottesdienst in der Kapelle, die verhältnismäßig unbeschädigt ist. Die Patienten werden auf die Stationen verlegt. Nachrichten über bekannte Personen, die freiwillig aus dem Leben geschieden sind, erschüttern zutiefst. (Dr. Kesselburg mit Kindern, die Frau erwachte wieder, Dr. Zeidler, Hebammenschwester Hedwig mit Kind, Herr und Fr. Dr. Hasse usw.) , im ganzen zählt man 4 800 Opfer durch Beschuß, Selbstmord und Erschießung durch die Rote Armee. Dr. Vieten leistete fast Übermenschliches in seinem Beruf, da 2/3 der Ärzte getürmt waren. Als einziger Chirurg neben Dr. Bloßfeld, der im Stadtkrankenhaus - das Hauptverbandsplatz war - arbeitete, war er in Brandenburg allein. Getürmt waren u.a. Dr. Wichmann, Dr. Schwarz, Dr. Münster, Dr. Schollmeyer, Dr. Zimmermann, Dr. Krüger, Dr. Radeke, sämtliche Chirurgen des Stadtkrankenhauses, sämtliche Ärzte mit ihren Lazaretten. Dr. Braun verblieb auf dem Görden im Lazarett und geriet samt seiner Familie in Gefangenschaft.
6.5. Erste Sonntagsmesse in Brandenburg nur in unserer Kapelle möglich. Schüchtern wagten sich die Katholiken auf die Straße. Mehrere Sonntage hindurch wurde der Pfarrgottesdienst im Kreuzgang der zerstörten St. Paulikirche abgehalten. Jetzt ist der Pfarrgottesdienst in der evangelischen St. Gotthardtkirche.
In der laufenden Zeit werden die Aufräumungsarbeiten unter schwierigen Verhältnissen fortgesetzt. Durch die Sprengung sämtlicher Brücken - neun große Brücken mit wichtigsten Leitungsrohren - drei Brücken blieben unbeschädigt - war das Instandsetzen der Wasserleitungen sehr erschwert. Erst Ende Juni hatten wir in unserem Bezirk das erste Leitungswasser. Herr Pfarrer Jochmann unterstützte uns tatkräftig beim täglichen Wasserholen.
In den folgenden Wochen und Monaten wurden die Kriegsschäden - 15 Granatvolltreffer ins Krankenhaus, 26 auf Grundstück und Nebengebäude - allmählich behoben und das Krankenhaus seinem normalen Betrieb wieder zugeführt.
Alle Schwestern versahen ihren Dienst mit restloser Treue. Diese Zeit, - eine Gnadenzeit - das Sichtbarwerden der göttlichen Vorsehung.
31.7. Der Kindergarten wird wieder eröffnet (Pfarramt Hl. Dreifaltigkeit/Sr. Eugenia.)

 

 

 

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