Chronik
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit Brandenburg a.d. Havel
Chronik ab 1903 | - 1960 - |

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Anlage zur Chronik des Jahres 1960

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| Chronik des Jahres 1960 |

Gedenkworte für unseren Pfarrer Jochmann beim Pfarrfamilienabend am 6. Juli 1960 von Frl. Helene Broll

Wir halten heut nach dem Heimgang unseres Pfarrers zum ersten Male den Familienabend als verwaiste Pfarrfamilie. Darum ist es uns recht u. geziemend, daß wir heut seiner gedenken, des treuen Hirten u. Vaters unserer Gemeinde.
Durch seinen Tod ist im Leben der Pfarrfamilie u. im Leben wohl jedes einzelnen eine große Lücke entstanden. Jeder von uns weiß am besten, was er verloren hat. Wieviel geweinte und ungeweinte Tränen sind an seinem Sarge von Jungen u. Alten vergossen worden!
Er war eine Priesterpersönlichkeit, um die uns viele Gemeinden beneideten. Alle, die ihn näher kannten, schätzten u. verehrten ihn hoch: Sein Bischof, der in ihm einen guten Ratgeber hatte, u. der gern auf das Wort dieses in der schweren Diasporaarbeit erfahrenen Priesters hörte, seine Mitbrüder, seine evangelischen Glaubensbrüder u. seine Gemeinde.
In den vielen Beileidsbriefen, die nachher verlesen werden, klingt eine tiefe Hochschätzung immer wieder durch. Was ihn zu einem so vorbildlichen Priester machte, drückte der Weihbischof in der Leichenrede kurz u. treffend aus: "Er war ein Priester, der es mit seinem Priestertum ernst nahm."
Rastloser Eifer um jede ihm anvertraute Seele, selbstlose Liebe, eine glühende Hingabe, eine tiefe Demut u. eine nie müde werdende Gebetsinnigkeit waren die Wesenszüge seines Charakters u. dies vereint mit überragenden Geistesgaben.
Sein Leben war ein Dienen. Mochte ein Krankenbesuch zu einer ihm ganz ungünstigen Zeit gemeldet sein, mochte ein Anruf zu einer Nottaufe aus dem Städt. Krankenhaus erfolgen, mochte ein armes Mütterchen in einer armseligen Dachstube nach ihm verlangen, mochte eine ratlose Mutter in ihrer schwierigen Gewissensnot ihn um Rat fragen - er war sofort da. Da gab es keine Minute Aufschub.
Wenn ein Ruf an ihn erging, dann folgte er ihm sofort. Er schickte nicht einen seiner Kapläne, er ging selbst hin.
Wie litt er in der Hitlerzeit an seinem Dienst, den er aushilfsweise im Gördener Zuchthaus an den zum Tode Verurteilten übte! Die ganze Nacht blieb er im Zuchthaus u. ging von Zelle zu Zelle, um die letzten Wünsche der Gefesselten zu erfüllen u. die letzten Grüße an die Angehörigen zu schreiben. Den 28jährigen Metzger, der wie ein Wilder tobte, den suchte er zu beruhigen. Tieftraurig ging er von dem Einundzwanzigjährigen, der bis zuletzt jeden kirchlichen Trost ablehnte u. wie ehrfürchtig sprach er von dem österreichischen Bauern, einem Vater von fünf Kindern, der auf die Frage des Pfarrers, ob er ihm noch ein Gebetbuch bringen solle, antwortete: "Nein, ein Buch würde meine Gottverbundenheit nur stören."
Unser Pfarrer war der erste Diener seiner Gemeinde. Jedes Jahr zur Passionszeit machte er sich Gedanken, ob und wie die Zeremonie der Fußwaschung in unserer Gemeinde durchgeführt werden könnte. Das Dienen des Herrn u. seine Worte: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, daß auch ihr tuet, wie ich getan habe", ließen unsern Pfarrer fast nicht zur Ruhe kommen. Nicht herrschen und kommandieren wollte er, sondern dienen.
Wir hören ihn, wie er beim letzten Familienabend, als er das pfarrliche Leben besprach, sagte: "Ich will kein Diktator sein."
Alle Neuerungen besprach er erst mit seiner Gemeinde u. erwog alle Vorschläge u. Ablehnungen. So wußte er die Verantwortlichkeit seiner Gemeinde zu wecken. Sein Herzenswunsch war, eine lebendige Pfarrfamilie wachsen zu lassen. Er war es auch, der die Familienabende einführte.
Oft sagte er: "Ich möchte nicht, daß irgend jemand in meiner Gemeinde die berechtigte Klage führen müßte: um mich kümmert sich niemand." Es war ihm schmerzlich, daß sich zu wenig Laienhelfer in der Sorge um die Einsamen, um die Alten u. Kranken u. Gefährdeten zur Verfügung stellten. Die meisten Hausbesuche machte er selbst. Er brachte allmonatlich am Herz-Jesu-Freitag den Hauskranken die hl. Kommunion u. wie beglückt waren die Kranken darüber. Und sie haben jetzt nur die bange Frage: Wer wird sich jetzt um uns kümmern?
Zu seiner Bereitschaft zum Dienen gehört auch seine große Demut.
Alle Ehrungen schlug er aus. Es war ihm peinlich, daß der Bischof ihn zum Geistlichen Rat ernannte u. daß er mit dem Titel eines Päpstlichen Hausprälaten ausgezeichnet wurde. Als er aus Höflichkeit sich beim Kardinal bedankte, fragte der Kardinal: Freuen Sie sich darüber? Worauf unser Pfarrer antwortete: Meine Gemeinde freut sich.
In seinen Predigten u. Arbeitskreisen gab er uns eine Richtschnur für unser Verhalten in der Öffentlichkeit, zumal in heutiger Zeit: Nicht nach dem ersten Platz sich mühen, nicht nach Ehrungen u. Beifall streben, nicht nach den bestbezahlten Stellungen jagen, zumal sie oft bezahlt werden müssen mit der Preisgabe der Treue zu Gott u. zur Kirche. Im Berufsleben nicht auffallen, es sei denn durch gewissenhafte Arbeit u. christliche Haltung. Nicht reden u. diskutieren mit Andersdenkenden, sondern ein treuer, praktizierender Katholik sein - das sind die Überzeugungsmethoden der Gegenwart.
Was er lehrte, das lebte er auch. Die Hochachtung, die man ihm zollen mußte, hatte hier ihren tiefsten Grund. Die Andersgläubigen und die weltanschaulichen Gegner spürten das auch. Erst kürzlich sagte mir einer meiner atheistischen Kollegen, als ich unsere Priester in Schutz nahm: Ja, ihr Pfarrer macht eine Ausnahme!
Wer ihn kannte, spürte, daß er ernst machte mit den Werken der Barmherzigkeit. Das erfuhren alle, die das Kriegsende u. die Zeit des Beschusses in Brandenburg erlebt haben.
Die Oberin des Marienkrankenhauses weiß aus diesen Tagen viel zu erzählen. Unermüdlich arbeitete er im Krankenhaus, um die ersten Kriegsschäden zu beseitigen - seine Pfarrkirche war ja bis auf die Mauern zerstört u. ausgebrannt. Rastlos schleppte er Wasser für die Küche u. die Patienten. Eines Tages holten ihn Soldaten zur Arbeit in die Mühle. Dort schleppte er den ganzen Tag Mehlsäcke. Als Lohn dafür erhielt er einen halben Zentner Gries. Am Abend brachte er erschöpft diese Kostbarkeit ins Krankenhaus für die Patienten.-
Die ratlos gewordenen Menschen im Mai 1945 beriet u. tröstete er. Und als die vielen Umsiedler nach Brandenburg strömten, da half er in ihrer leiblichen u. seelischen Not. Er selbst fuhr die Essentonnen mit warmer Suppe vom Marienkrankenhaus nach dem Quenzlager.
Was er nicht unbedingt selbst brauchte, verschenkte er. Er behielt nur einen Mantel u. ein Paar Schuhe. Er kümmerte sich, daß wir Umsiedler einen Löffel, eine Schüssel u. einen Teller bekämen. In vielen Stunden beriet er mit den Laienhelfern, wie am schnellsten zu helfen wäre. Er verlangte nichts von seinen Mitarbeitern, was er nicht selbst tat. Für die kleinste Hilfe hatte er Worte des Dankes, während er für sich jeden Dank zurückwies.
Selbsterziehung war, daß er seine Person ganz zurückstellte, daß er um selbstverständliche Dinge bat u. für die kleinsten Dinge dankte.
Wer bitten u. danken kann, ist immer ein demütiger Mensch.
Er sorgte aber nicht nur für das leiblich Notwendige der Umsiedler, er sann, wie er den Entwurzelten eine neue Heimat schaffen könnte.
In der Kirche sollten wir unsere Heimat finden. Sobald wie möglich, ging er an den Wiederaufbau der zerstörten Kirche. Er war mit seinen Kaplänen immer unter den Arbeitenden, als wir Steine putzten, Steine klopften, Fußplatten los meißelten, Steine abluden. Wer damals mitgemacht hat, weiß, wie bei diesen Arbeiten die Gemeinde zusammenwuchs.
Weil die Umsiedler nicht mehr an den Gräbern ihrer Lieben beten konnten, darum richtete er die Gedächtnisstätte in der Nische unserer Kirche mit dem Bilde des Isenheimer Altars ein.
Sein Sorgen u. Sinnen u. Beten galt nur seiner Gemeinde. Jeder Tag war ausgefüllt mit Arbeit u. Gebet. Man kann wohl sagen: Er leistete soviel, weil er viel betete.
Er war der große Beter. Sein Brevier betete er meistens vor dem Allerheiligsten, auch in den kalten Wintertagen. An Wochentagen war er oft der einzige Beter untertags in Kirche. An den hohen Tagen unserer Ewigen Anbetung oder in der nächtlichen Anbetung im Marienkrankenhaus kniete er stundenlang vor dem Allerheiligsten.
Wie besorgt war er, daß zu jeder Stunde des Tages u. der Nacht seine Gemeinde Anbetung hielt. Seine Gemeinde sollte eine betende Gemeinde sein. Schon die Kinder so früh als möglich zum Tisch des Herrn zu führen, war der Wunsch des Kardinals u. auch sein Wunsch. Er besprach mit den Eltern das Problem der Frühkommunion u. führte die Kinder nach sorgfältiger Vorbereitung dies Jahr zum ersten Male zur Frühkommunion.
Sein Beten war katholisch, d. h. allgemein. Die großen weltweiten Anliegen der Kirche u. des Bistums machte er zu seinen eigenen.
Weil der Friede nur erbetet werden kann, darum hielten wir jeden ersten Sonntag des Monats als Sonntag der Eucharistischen Friedensliga; darum wird täglich ein Gesätz des Rosenkranzes vor der ½ 8 Uhr Messe gebetet.
Mit großer Gewissenhaftigkeit betete er den " Engel des Herrn" u. das Friedensgebet, wie es unser Kardinal wünscht. Mit vorbildlicher Treue entsprach er immer den Anordnungen seines Bischofs.
Alle, Männer u. Frauen, Junge u. alte hatten Teil an der Liebe u. Treue seines Priesterherzens. Daß er am Fest der hl. Dreifaltigkeit, unserem Patronatsfest, seine letzte Predigt hielt, war der gesegnete Abschluß seines gottbegnadeten Priesterlebens hier auf Erden.
Es paßt zu seinem sich in Liebe verzehrenden Leben, daß Gott ihn zwischen Dreifaltigkeitssonntag u. Fronleichnam, den Hochfesten der Liebe, zu sich rief.
Es entsprach seinem Leben, daß er während des Abendläutens heimging. Die Muttergottes, deren Lob er mit der Gemeinde im Magnifikat sang, wird ihn im Himmel zum ewigen Hohenpriester geleitet haben.
Und wir? " Danken wir dem himmlischen Vater für diesen Priester" wie es der Weihbischof sagte.
Und danken wir ihm, dem treuen Pfarrer mit der gleichen Treue, mit der Sorge, daß seine Saat Früchte trage in den Familien u. in der Pfarrfamilie.

Aus dem Totenzettel eines Priesters:

Ich habe euch den Treueschwur abgenommen, - brechet ihn nicht!
Ich habe euch eingepflanzt den Glauben, - verlieret ihn nicht!
Ich habe euch gepredigt die Gebote, - übertretet sie nicht!
Ich habe euch losgesprochen. - verscherzet die Gnade nicht!

Ich habe euch gewiesen den Weg zum Himmel, - verlasset ihn nicht!
Ich habe eure Ehen geknüpft, - kränket einander nicht!
Ich habe eure Kinder lieb gehabt, - verwahrlost sie nicht!
Ich habe eure Toten ins Grab gesegnet, - vergesset sie nicht!
Ich liege nun selbst im Grabe - vergesset auch mich nicht!

 

 

 

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