Chronik
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit Brandenburg a.d. Havel
Chronik ab 1903 | - 1976 - |

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Anlage zur Chronik des Jahres 1976

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| Chronik des Jahres 1976 |

- Festvortrag am 5.10.1976 im Pfarrsaal, von Pfr. Semrau -

Die Chronik der 125 Jahre

sagen wir bescheidener: Etwas aus der Chronik der 125 Jahre, wie sich in manchen verstaubten Akten und der Chronik der Pfarrei uns darstellt.

Warum soll das in Erinnerung gebracht werden?
Der nachdenkliche Mensch wird immer wieder einmal fragen: Was wirkt alles aus der Vergangenheit in meine Gegenwart? Was habe ich überhaupt, was mir nicht vorgegeben ist? Ist nicht vieles, oder alles, schon da gewesen, nur in anderer Form? Jedenfalls, wer Geschichte kennt, steht gelassener den Nöten der Gegenwart gegenüber. Er macht sich keine Illusionen über die sogenannte gute alte Zeit. Er weiß, daß Gott in jeder Zeit gegenwärtig ist.- Daß jede Zeit in der Kraft des Glaubens bestanden werden muß, bestanden wurde und bestanden wird.

Die Chronik der 125 Jahre, - wir müssen doch schon v o r 1851 beginnen. Denn die Treue und das Verdienst einiger weniger Laien, die sich mit unermüdlicher Hingabe der katholischen Sache annahmen, muß erwähnt werden. Sie waren Zugezogene, wurden nur sehr schwer heimisch, sie gehörten lange nicht begüterten Schichten an.

Sie wußten, daß eine solche bunt zusammengewürfelte Schar aus Invaliden, Veteranen in untergeordneten Beamtenstellungen, Handwerkern und Handelsleuten aus Böhmen und Westfalen, Bayern, Schlesien und Polen, Italien, ja Irland und Frankreich, - daß eine derart zusammengewürfelte Schar bei solchen Unterschieden in der Muttersprache, ohne Tradition nie zur katholischen Gemeinde zusammenwachsen würde, nie im katholischen Glauben bleiben würde, ohne Priester und Gottesdienst und Sakramente, ohne eigene Kirche.
Mauri, Riedel, Bendix, Potthoff sind die Männer, die noch vor den 125 Jahren sich der Gemeinde annahmen.

Mauri und Riedel, die Kopien ihrer Briefe und Briefe an Sie sind erhalten geblieben und künden bei Mauri von einer 34 jährigen Bemühung um die Anstellung eines katholischen Priesters, bei Johann Gottfried Riedel von fast 50 jähriger Arbeit im Kirchenvorsteheramt für die Gemeinde.

Mauri hat zwar die Anstellung eines eigenen Priesters für Brandenburg noch erlebt, aber nicht mehr den Kirchbau.
Von Riedel ist ein 1819 geschriebener Brief an den Propst von Berlin erhalten. Energisch ist nicht nur seine Schrift, energisch vertritt er auch sein Anliegen, er schreibt:
"die Gemeinde ist mit seiner Offerte" ? es handelte sich darum, dass Kaplan Groß aus Potsdam, der sechs mal im Jahr die Seelsorge in Brandenburg wahrnehmen sollte, für einen Wochentag sein Kommen zum Gottesdienst angekündigt hatte,
also Riedel schrieb: "die Gemeinde ist mit dieser seiner Offerte
gar nicht zufrieden.... er muß kommen, wann ihn die Gemeinde verlangt. Bekanntlich sind die mehrsten Mitglieder derselben Arbeitsleute, die sich die Woche hindurch ihr Brodt verdienen und nur Sonntags nach der Kirche gehen, ihre Andacht zu verrichten .....die Gemeinde kann den Pater Groß nie anders aufnehmen, als des Sonnabends und folgende Tage... Ohnehin ist unsere Religion am Rande ihres Verlöschens, und ein kleiner Anstoß von Ärgernis kann sie, da sich niemand unserer mehr annimmt, bald zum Übergang Luthers vermögen.... Euer Hochwürden ergebenst zu bitten, für die arme verlassene Gemeinde, insofern sie die Allmacht vom Abfall bewahrt, dahin zu sorgen, daß sie doch mit einem Geistlichen versehen werde...
Ew. Hochwürden werden dadurch einen Schatz sammeln, der wie die
Sonne leuchten wird..." Soweit Riedel.

Überall und nirgends waren die katholischen Brandenburger mit ihren wenigen Gottesdiensten zuhause, die längste Zeit noch in der baufälligen St. Petrikirche am Dom.
Die Gemeinde nahm in diesen Jahren trotz ständiger Zuwanderung erschreckend ab; die seltene Seelsorge ? bestenfalls sechsmal im Jahr von Potsdam oder Berlin aus ? ; die unzulänglichen Laiengottesdienste, die Raumnot in St. Petri; mit dem Religionsunterricht der Kinder gab es Ärger und Schwierigkeiten; immer noch waren die Katholiken dem protestantischen Pfarrzwang unterworfen, d.h. Taufen, Trauungen und Beerdigungen mußten durch den protestantischen Pfarrer geschehen, die ziemlich trostlos lautenden Seelsorgsberichte aus diesen Jahren, die 1894 noch erwähnt werden, sind in der Archiven von St.Hedwig und Brandenburg verloren gegangen.

Mit König Friedrich Wilhelm IV. hatte eine neue, etwas günstigere Aera in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche begonnen.
Bis dahin galt uneingeschränkt das Allgemeine Landrecht von 1794. Nach dessen § 17 war es allein der Staat, welcher den von ihm aufgenommenen Religionsgesellschaften die Rechte privilegiert und Korporationen verleiht, - mit verstindlichen Worten: Kirchen existieren nur durch die Konzession des Staates, der Staat verleiht ihnen Daseinsrechte und gibt ihnen die Ordnung, er fühlte sich also zuständig auch für Religions- und Gewissensfragen.
Absolutes Königtum und moderne Diktaturen, - sie ähneln einander
wie ein Ei dem anderen, was die Reglementierung der Kirchen angeht, oder die Versuche dazu. Mit Friedrich Wilhelm dem IV. hatte also eine neue Aera begonnen. Ein gewandeltes Verständnis von Religion und religiösen Werten ließ langsam mehr Toleranz, mehr Duldsamkeit entstehen.

Der König brauchte noch vier Jahre, bis die Sache alle Instanzen durchlaufen hatte und ein eigener katholischer Priester für Brandenburg angestellt wurde.
Erstaunlich ist die Prozedur, und wie wenig damals die Kirche dabei zu sagen hatte.
1) Anstellung eines Geistlichen: Mauri hatte sich seit 1814 bemüht. 1844 nominierte der Kultusminister einen Priester, den Schulpräfekten Ignatz Tieffe aus Frankenstein in Schlesien.
In Breslau war gerade Vakanz. Der Weihbischof Latussek als Bistumsverweser stellte Tieffe als Kaplan von St.Hedwig und Lokalkaplan für Brandenburg an.
Die Urkunde vom 31.8.1844 ist erhalten. Ob er auch "den Eid der Treue und der Untertänigkeit" geleistet habe, fragte die königliche Regierung an. Tieffe mußte das nachweisen, die Urkunde ist im Archiv.
Schließlich war auch ein Jahresgehalt von 4oo Thalern (gleich l00 M, monatlich) bewilligt. Aus dem Schwiebus?Züllichauer Fonds. Dieser Fonds war 1810 durch Beschlagnahme aufgelöster Kirchengüter (vor allem von Neuzelle) gegründet worden. Dazu kam noch etwas von der Gemeinde für die Wohnungsmiete, auch etwae für die Seelsorge im Zuchthaus und in der Garnison.
Soweit erstens die Anstellung eines Geistlichen

2) Errichtung einer katholischen Pfarrei.
Zunächst mußte "Se. Majestät der König die Rechte einer Corporation als selbständiger Pfarrgemeinde zu verleihen geruht haben",
was König Friedrich Wilhelm IV. "Sanssouci, den 29.September 1849" tat. Dann überließ es der Minister dem Kirchenvorstand, "den Herrn Fürstbischof von Breslau von der erfolgten Allerhöchsten Bestimmung in Kenntnis zu setzen, damit Seitens desselben dasjenige veranlaßt werden könne, was Behufs canonischer Errichtung der Pfarrei erforderlich ist" (am 9.Okt.1849).
Jetzt durfte gemäß der von Kirche und Staat verschieden ausgelegten päpstlichen Bulle "De salute animarum" von 1821 der Fürstbischof von Breslau, Melchior von Diepenbrock, die katholische Parochie zu Brandenburg errichten und umschreiben (am 29.5.185o).
Diese Urkunde übersandte der Delegat in Berlin, Propst von Ketteler am 5.Juni 1850 dem Pfarrer Tieffe: "Sie haben also die angegebene Bedingung zu erfüllen, um dann die neue Reihe der wahren Hirten dort zu eröffnen. Möge der Herr Ihr Wirken reichlich segnen und das wird Er, wenn Sie selbst immer vor allem dahin streben werden, ein geheiligtes Gefäß der Gnade zu werden".
Ignatz Tieffe mußte noch ein Pfarrexamen in Breslau mit Erfolg bestehen, ehe er am 30.6.051 von Propst Pelldram, Berlin, zum ersten katholischen Pfarrer nach der Reformation in Brandenburg kanonisch investiert wurde, gerade noch rechtzeitig zur Einweihung der Dreifaltigkeitskirche am 12. August 1851.

So nähern wir uns endlich dem Jahre 1851. Aber ehe die nun 125 jährige Kirche erscheint, galt es Geld zu sammeln. Der "Hilferuf aus Brandenburg: Die Stimme des Rufenden in der Wüste" vom 6.1.1849 wurde in 4500 Exemplaren in alle Welt versandt.
Pfarrer Tieffe unternahm Bettelreisen nach Schlesien und Berlin, er reiste durch Sachsen, Böhmen, Österreich, Bayern, Baden, Frankfurt, Mainz, Coblenz, Bonn, Köln und Münster.
Lang ist das Verzeichnis der Wohltäter, angefangen von "hohen und höchsten Herrschaften" bis zu dem "schlichten einfachen Mädchen aus Burgsteinfurt".
Spenden vom Kaiser und von Königen, Bischöfen, aus öffentlichen und Kirchenkollekten, von Bonifatiusvereinen, Verbänden und katholischen Zeitungen und von den Bürgern Brandenburgs.

Das war sicher sehr mühselig, galt es doch 24.000 Thaler aufzubringen, soviel hat laut Abschlußrechnung der Kirchbau einschließlich der Kosten für das Grundstück und der notwendigsten Einrichtung gekostet.
Als am 15.8.1349 Pfarrer Tieffe den ersten Spatenstich zum Kirchengebäude tat, forderte am nächsten Tag der Magistrat, den Bau sofort einzustellen...
l) habe das Grundstück nicht dem angeblichen Vorbesitzer Dr. Schiebler gehört, sondern sei nach Eingehen des Friedhofes 182o der Freimaurerloge überlassen worden, welche es ohne Zustimmung von Magistrat und Kirchenbehörde an Schiebler abgetreten habe. 2) Sei durch Contrakte bestimmt worden, daß dieser vormalige Kirchhof nicht so benutzt werden dürfe, daß nicht etwa darauf Gebäude gesetzt werden, wodurch die Ruhe der Begrabenen gestört werde. Wenn auch eine Kirche nicht ein solches Gebäude sei, so würde doch die Legung der Fundamente die Ruhe der Begrabenen stören...
Pfarrer Tieffe war nicht der Mann, der sich durch solche Maßnahmen einschüchtern ließ. Er erhob Einspruch bei der Regierung in Potsdam und beim Ministerium, bis die Bausperre aufgehoben wurde.
Übrigens wurde noch zweimal auf ähnliche Weise versucht, den Bau zu unterbrechen.
Am 28.lo.1849 konnte die feierliche Grundsteinlegung durch Propst Wilhelm Emanuel von Ketteler, St. Hedwig in Berlin, vollzogen werden. Früh um 7 Uhr war ein Hochamt in der St. Gotthardtkirche. Dann ging es "processionaliter et cantando cum vexillis et cruce" (in Prozession und singend mit Fahnen und Kreuz) Durch die Altstadt, Bäckerstr ? Ritterstr.. Paradeplatz (die heutige Hauptstr.) beim Neustädt. Rathaus einbiegend in die Steinstr., durch die Brdderstr. zum Bauplatz, ??? solche Prozession, man stelle sich das heutzutage vor! ??

Die Grundsteinlegung dauerte bis 11 Uhr, wobei Propst von Ketteler deutsch und Pfarrer Schaffraneck polnisch predigte. Dieser Grundstein von 1849 wurde bei dem Umbau von 1972 wieder aufgefunden, die Metallbüchse war schon reichlich verwittert, die Urkunde verblaßt, sie ist aber erhalten.

Nun wurde fleißig gebaut. Auf einer Lithographie, von der 2575 Stück zugunsten des Kirchbaues verkauft wurden, steht "Entworfen und gebaut von Carl Weiß". Er war ein Maurermeister und der Bauführer, wie ihn die Akten nennen. Ernst Riedel schrieb 1894: "Der Baumeister nannte den Stil der Kirche, warum weiß niemand, Italienische Renaissance".

Ein angrenzendes Stück der Stadtmauer wurde gebraucht und schließlich mit Material und Grundfläche von der Stadt geschenkt, drei Minister, des Innern, der Finanzen und des Krieges, mußten ihre Genehmigung dazu erteilen, der Kriegsminister aber mit der Auflage, daß die Kirchengemeinde sich verpflichte, "wenn im Falle eines Krieges oder aus sonstiger strategischer Hinsicht der Wiederverschluß der Mauer erfordert wird, diese auf eigene Kosten wieder herzustellen."
Schließlich wurde doch alles fertig: Auf altem kirchlichen Boden war das neue Gotteshaus erstanden, denn der Platz war zuerst der Weinberg des Dominikanerkloster St. Pauli gewesen, dann Friedhof. Am 12.August 1851, - vor 125 Jahren - benedizierte der Fürstbischöfliche Delegat in Berlin, der Propst Pelldram von St. Hedwig, die neue Kirche auf den Titel "Heiligste Dreifaltigkeit" unter der Assistenz von 18 katholischen Priestern und der ganzen Gemeinde, in Anwesenheit sämtlicher evangelischer Geistlicher und vieler Bürger aus der Stadt.
Ernst Riedel schrieb: "So war endlich in Erfüllung gegangen, was die katholischen Brandenburger seit Menschenaltern erfleht hatten, und es ist verständlich, "daß mehr als ein Herz nur mit Thränen der Freude und des Dankes der Feier folgen konnte.... bis endlich die viel hundert Stimmen sich zu einem gewaltigen Chor vereinigten, als die Orgel den herrlichen ambrosianischen Lobgesang anstimmte".

Von der ersten Innenausstattung der Kirche ist kein Foto erhalten, nur eine Beschreibung: "Im Innern ist die Kirche sehr einfach... erwähnenswert ist nur ein überlebensgroßer Gipskruzifix von Achtermann über dem Hochaltar .... der Aufsatz des Hochaltares im Zopfstil - d.i. eine karge preußische Form des Rokoko - stammt aus einer Dorfkirche, aus Katscher in Schlesien; nur die beiden auf der Turmseite stehenden Nebenaltäre sind, wenn auch ganz einfache, so doch gefällige Muster des Zopfstils... sie stammen aus der alten Kirche zu Potsdam, der sie von Friedrich Wilhelm I. geschenkt waren."

Wie so oft war das, was einer Gemeindegründung und dem Bau einer Kirche vorausging, interessanter und aufregender, als das, was hinterher kam. Ein großes Ziel war erreicht, ein erster Höhepunkt überschritten. Die Kirchengemeinde mit Priester und eigener Kirche

war nun "etabliert". Jetzt gab es keine bedrängenden Zielsetzungen mehr. Es galt, das Errungene zu sichern und zu bewahren. Es ist die Zeit des Wachsens in Stille, und im Alltagsleben. Zeit des inneren Ausbaues, der unermüdlichen Kleinarbeit, der treuen und durchhaltenden Bewährung.
Wie nötig war das! Es sind Verzeichnisse der Erstkommunikanten ab 1826 vorhanden, eins der ältesten Schriftstücke im Archiv, - Pfarrer Tieffe hat dazu 1857 Bemerkungen eingetragen, was aus den Kindern im Laufe der Jahre geworden ist. So oft lautet die erschütternde Feststellung: "verschwunden, verkommen, verwildert. abgefallen, verdorben". Ach ja, die "gute alte Zeit" hatte auch ihre Probleme .... und die Probleme kommen uns so bekannt vor... Die Diaspora verschlang die Katholiken. Die Minderheit hatte Minderwertigkeitsgefühle und war entwurzelt. Wie mühselig, sie zur Gemeinde zusammen zu führen, ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln, ihren Glaubenssinn und Bekenntnismut zu entwickeln. Dem galt nun noch sieben Jahre lang die stille zähe Arbeit von Pfarrer Tieffe, bis er 1858 zum Pfarrer von Trebnitz in Schlesien, an die Kirche der hl. Hedwig, berufen wurde.

Die Bemühungen des zweiten Pfarrers von Brandenburg, Constantin R i e g e r galten der Festigung der Gemeinde und der katholischen Privatschule, der 1861 der öffentliche Charakter verlieben wurde. Sie mußte aber weiterhin völlig durch Aufwendungen der Gemeinde und aus katholischen Fonds unterhalten werden. 1864 feierte ein Sohn der Gemeinde, Adalbert Schrepffer, seine Primiz. 1868 stellte sich heraus, daß die erst seit 17 Jahren stehende Kirche ernste Bauschäden, vor allem im Dachstuhl aufwies. Reparaturen mit einem Kostenaufwand von 2500 Thalern waren nötig, wofür der Kirchenvorstand in der Gemeinde und außerhalb sammelte und sich kräftig verschuldete.

Ein gebürtiger Berliner war Heinrich S c h o m e r, der dritte Pfarrer von Brandenburg. Die Kleinstadt Brandenburg war Industriestadt geworden. 1890 zählte man bei 35 000 Einwohnern etwa 5 % Katholiken. Dazu eine wachsende Zahl von Katholiken auf den Dörfern der weiten Pfarrei, zu denen während der Sommermonate noch zahlreiche Schnitter und Ziegeleiarbeiter aus Posen kamen.

Der erprobte Diasporapfarrer (Schomer war vorher in Fehrbellin und Neuruppin gewesen) führte die Katholiken zusammen und ließ die inneren und äußeren Verhältnisse der Gemeinde gedeihen. Weder die Abspaltungen dieses Jahrhunderts, noch der vom Bismarckschen Staat inszenierte Kulturkampf konnten größeren Schaden anrichten.
1847 hatte sich in Brandenburg eine "Deutsch-Katholische" Gemeinde konstituiert, eine Gründung des 1843 kirchlich suspendierten Kaplans Ronge. Ihr gehörten 1850 etwa 100 Personen an. 1852 wurde ihnen die Erlaubnis zur Benutzung der St. Nikolaikirche entzogen, die Sekte löste sich bald auf.
Auch den "Altkatholiken" war in Brandenburg kein Erfolg beschieden, sie brachten es bei der Volkszählung von 1875 auf 47 Personen. Sie waren sehr kurzlebig, diese Absplitterungen; sie glitten aus Mangel an religiöser Substanz auch schnell in ein fragwürdiges politisches Fahrwasser. Der abgeschnittene Zweig hat keine lange Lebensdauer, er verdorrt. Der "Kulturkampf", der Konflikt des Bismarckschen Staates, gedrängt vom Liberalismus, mit der Kirche, führte zu einer Sondergesetzgebung gegen die Katholische Kirche mit vielen Repressalien gegen Bischöfe, Priester, Gemeinden, Orden und ihre Einrichtungen.
Diese Maßnahmen aber konnten seitens des Staates nicht aufrecht erhalten werden und wurden ab 1880 wieder abgebaut.
Der katholische Volksteil hat im ganzen gegen die Kampfmaßnahmen eine opferwillige Treue bewiesen. Keiner der Bischöfe und nur 24 von 4000 Priestern haben die Staatsgesetze, wie es der Staat forderte, anerkannt. Pfarrer Schomer vermeldete am 27.lo.1872: "...die Lage der Kirche und somit unsere eigene ist zu ernst, als daß es einer erneuten Aufforderung zum anhaltenden Gebet bedürfe .... ich wiederhole nur, was unser Oberhirt uns in seinem Hirtenbrief so dringend ans Herz legte: daß wir feststehen im heiligen Glauben in diesen Tagen, in welchen, wie nie vordem, die Begriffe verwirrt, die Wahrheit verdunkelt, - und wäre es möglich - selbst die Auserwählten getäuscht und irre geführt werden; daß wir uns nicht entmutigen oder verbittern lassen bei der Wolke von Lügen, Anklagen und Verleumdungen, welche jeder neue Tag über uns hereinführt...".
Am 7.3.1875 vermeldet er eine Kollekte "zum Besten derjenigen Priester, denen die Verrichtung ihres heiliger Dienstes nach den bestehenden Gesetzen nicht möglich ist".

Nach 188o erholte sich das katholische Leben. Rege Vereinstätigkeit blühte auf. Alle Vereine trugen dazu bei, die Gemeinde auch außerhalb des Kirchenraumes miteinander bekannt zu machen, gesellschaftliche Mittelpunkte zu schaffen.
Gewiß bedeuteten die vielen Vereine zugleich eine gewisse Zersplitterung der Kräfte, aber der Mensch lebt sinnvoller Weise nicht in der anonymen Masse, sondern in der kleineren Gruppe. Der Zersplitterung suchte man durch Gemeindefeste und durch große Vereinstage, später Katholikentage genannt, zu begegnen, deren Träger wiederum die Vereine waren.
Das jubiläumsfreudige Jahrhundert fand viele Anlässe, Feste zu feiern, die aber zugleich die Glaubensfreudigkeit stärkten. So wurde am 18.lo.1891 der erste märkische Vereinstag in Brandenburg gehalten, dem viele weitere im Bistum folgten. Es hieß: "Ein Tag katholischer Begeisterung! Begrüßung am Bahnhof, Hochamt in der Dreifaltigkeitskirche, Besichtigung der Baudenkmäler des Mittelalters, Treffen auf dem Marienberg, öffentliche Schlußversammlung im großen Saal des Stadtparkes... hocherfreut und mit neuem Glaubensmut kehrten die Teilnehmer zurück..."
1894 gab der historisch interessierte und dichterisch begabte Ernst Riedel zur Feier des 5o. Jahrestages der Wiederanstellung eines katholischen Priesters in Brandenburg eine Festschrift heraus, eine Schrift, die vieles schildert, was in den Archiven nicht enthalten oder verloren gegangen ist. Dieser Festschrift folgte zum 75.Jahrestag eine Schrift von Rektor Ernst Schneider, zum l00. Jahrestag eine von Dr.Ursula Creutz, ? so blieb ja nichts anderes übrig, als zum 125. Jahrestag wieder eine zu verfassen.... Doch wir sind der Zeit weit voraus geeilt,  als Pfarrer Schomer, der Vater der Gemeinde, am 29.1.1903 auf dem Neustädt. Friedhof beigesetzt wurde, war er 34 Jahre lang Pfarrer in der Gemeinde gewesen.
Unter Pfarrer Bruno G 1 a s n e c k. dem 4. Pfarrer an Dreifaltigkeit, war eine Renovierung der Kirche notwendig geworden. 1906 wurde ein neuer Hochaltar eingeweiht, nur das Kreuz von Achtermann war geblieben. Leider fehlt auch jeder Hinweis, wohin die alten Altäre gekommen waren. 1913 wurde die Kirche gemalt und es wurden neue Fenster eingebracht.
Die Zeichnung des Altares von 1906 und Fotos aus dieser Zeit sind erhalten. 1909 war eine Anzahl von Ortschaften den neuerichteten Kuratien Werder und Ketzin zugeteilt. 1911 wurde auch Treuenbrietzen von der Pfarrei Brandenburg abgeteilt.

Im ersten Geltkrieg 1914-1918 beteiligten sich Vinzenzverein und Gemeinde nach Kräften an der Linderung der Kriegsnot.
Zusammen mit anderen Organisationen hat die Gemeinde vor allem Kriegswitwen und Waisen fortlaufend mit Brot, Milch, Fisch, Kohlen und Kleidung unterstützt.
Täglich fand eine Kriegsandacht statt, in der sich im laufe der Jahre die Sehnsucht nach Frieden immer deutlicher artikulierte.
In der Chronik heißt es 1918: "Hatte der Krieg zunächst einen religiösen Aufschwung bewirkt, so trat bei seiner längeren Dauer ein immer größerer Niedergang des religiös sittlichen Lebens zutage. Insbesondere war die Verwahrlosung der schulentlassenen Jugend zu beklagen...
Zum Zwecke der straffen Organisation der hiesigen Katholiken für die bevorstehenden politischen Kämpfe wurde der Volksverein neu belebt. Über die Ziele desselben sprach in einer großen Versammlung Dr. Sonnenschein.
Das Bemühen des 5. Pfarrers, Bruno Schubert, war es vor allem, möglichst allen fern der Pfarrkirche wohnenden Katholiken den Gottesdienst an ihrem Wohnort zu ermöglichen. Ihm stand dabei ein Kaplan zur Seite, ab 1926 ein zweiter, ferner der für die Strafanstalt angestellte Pfarrer.
Ein glanzvolles und bekenntnisfreudiges Ereignis war der 25. Märkische Katholikentag 1927, von Dr. Sonnenschein organisiert und im Kirchenblatt propagiert ? das Kirchenblatt stellte im katholischen Berlin und darüber hinaus eine bedeutsame puplizistische Macht dar.
17 000 Katholiken aus Berlin und der Mark fanden sich in Brandenburg ein. Dr.Sonnenschein schrieb von diesem Tag in einer seiner Notizen: "Es geht nicht um Steine ... es geht um die Seele der Menschen!
Wir glauben an eins, Bernhard Lichtenberg hat an "Grillendamm" mit stählernen Worten formuliert: Die Zeit wird kommen, die Zeit des einen Hirten und der einen Herde, wann, steht in Gottes Hand! Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung: die Kirche, die katholische ist, auch in Deutschland, jung, kraftvoll und genial genug, solcher Erwartung zu entsprechen..,"
Als 1929 die Stadt Brandenburg die Jahrtausendfeier ihrer Gründung beging, fand auf dem Harlungerberg, dem Marienberg, ein großes Treffen der Katholischen Jugend mit Direktor Puchowski statt. Die Organisation besorgte Kaplan Klawitter, Brandenburg.
Zur Zeit Pfarrer Schuberts wurden die Kirchen in Belzig und in der Walzwerksiedlung eingeweiht.

Es folgten schwere und schwerste Jahre: seit 1933 war der Nationalsozialismus an der Macht. Seit zweitausend Jahren hat die Kirche innerhalb sehr verschiedener Regierungsformen Wege offen halten müssen, den Auftrag des Herrn, ihren spezifischen Auftrag, zu erfüllen. Direkte politische Aktionnen sind weder im negativen noch im positiven Sinn von ihr zu erwarten. Aus der Pflicht der Bischöfe und der Kirche, unter allen Umständen die Botschaft Christi zu verkünden, wird das Bestreben verständlich, den offenen Konflikt mit der jeweiligen Staatsgewalt solange wie nur möglich zu vermeiden. Solange wie nur möglich, - es war nicht lange möglich.
Kaum eine Gemeinde blieb davon ausgenommen. Und es ist erstaunlich, wie immer wieder verhältnismäßig geringe Dinge zum Anlaß genommen wurden, die katholische Kirche als staatsfeindlich hinzustellen und brutal zu verfolgen.
So wurde ? um in unserem Bereich zu bleiben, - z.B. der benachbarte Pfarrer August Fröhlich inhaftiert und ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er 1942 umkam; er hatte sich als Seelsorger bei der Firma Busch in Rathenow beschwert, weil in zehn Fällen polnische Zwangsarbeiterinnen mißhandelt worden waren.
So wurde Pfarrer Schubert von der Gestapo verhaftet, er hätte im Zuchthaus Brandenburg dort inhaftierten geistlichen Mitbrüdern Lesestoff und Lebensmittel "Über das Maß des Erlaubten" verschafft. Am 6.Mai fand man ihn, ehe der Prozess eingeleitet war, erhängt in seiner Zelle auf, wie der amtliche Bericht lautete. Die Lesezeichen in seinem Brevier zeigten an, daß er bis zuletzt darin gebetet hatte. Eine letzte Klarheit über seinen Tod wird sich nicht mehr finden lassen.
Pfarrer Schubert wurde am 12.5.37 unter großer Anteilnahme von Priestern und Gläubigen auf dem Neustädt. Friedhof beigesetzt.

Pfarrer Albrecht J o c h m a n n kam von Stettin, als er zum
Pfarrer von Dreifaltigkeit berufen wurde. Sein Wirken fiel in eine Zeit, die seine Kräfte bis aufs äußerste anspannte und verzehrte. Er hat die Pfarrei geleitet, als das "Dritte Reich" das kirchliche Leben mehr und mehr einengte; er hat mit der Gemeinde die Zerstörungen des 2. Weltkrieges erlitten; er hat den Wiederaufbau von Gemeinde und Kirche in der notvollen Nachkriegszeit durchgeführt.

Es ist schwierig, mit wenigen Sätzen die Lage der Kirche in dieser Zeit zwischen 1933 und 1945 zu schildern, wie Schikanen, Verbote und Beschlagnahmen die Seelsorge mehr und mehr einengten, und weil man sich doch damit nicht abfinden konnte, gefährlich machten.
Die Kirche sollte auf den rein innerkirchlichen Raum beschränkt werden, auf rein, religiöse Bereiche, alles andere wurde der Zuständigkeit des Staates und, der Partei unterstellt. Trotz Kirchenkampf und vielerlei Bedrängnis behielt das Gemeindeleben Kraft und Lebendigkeit. 1939, kurz vor Kriegsbeginn, wurde das Kirchen-Innere gründlich erneuert, die Kirche erhielt ihr drittes Aussehen. Eine Kirchenheizung wurde angeschafft.
Am 26.3.1939 feierte der Neupriester Heribert Rosal seine Primiz.
Intensivierung aller seelsorglichen und caritativen Bemühungen galten dem Zustrom an katholischen Arbeitern für die wachsende Kriegsindustrie. Seit 1939 wuchs die Seelsorge an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen stark an. Und die Totengottesdienste für die gefallenen Söhne der Gemeinde nahmen zu, darunter 1941 für Werner Mölders, 1943 für den letzten Träger des Namens Riedel,- Gottfried Riedel. Wir lassen außer Betracht, für welche Ziele sie sterben mußten, - jedenfalls weinte auch um sie eine Mutter...

Am 31.3.1945 wurde bei einem Luftangriff das Gesellenheim total zerstört und ein Teil des Küsterhauses; eine Bombe durchschlug Dach und Küche des Pfarrhauses und blieb im Erdgeschoss liegen ? ein Blindgänger.
Am 24.April begannen die letzten Kämpfe um die Stadt.
Am 25.und 26. April wurde der Turm der Kirche beschossen, es wurden Scharfschützen auf ihm vermutet.
St. Paulikirche und Kloster brannten, starker Funkenflug setzte das Dach der Dreifaltigkeitskirche in Brand, sie stürzte ein und brannte aus bis auf die Grundmauern. Löschversuche waren bei dem starken Beschuss unmöglich.
Alles Inventar der Kirche, alle Paramente und auch manche älteren Kirchenakten wurden vernichtet.

Schon ab 7.Mai 1945 fanden wieder Gottesdienste statt: im Vereinsraum des Pfarrhauses, im Kreuzgang von St. Pauli, dann in St. Gotthardt, in der Kapelle des Neustädt. Friedhofs, schließlich ab 23.12.45 über drei Jahre lang in dem zur Notkapelle eingerichteten Speicherraum der Firma Riedel Katharinenkirchplatz l0.
Ab 1946 wurde in den vielen Dörfer Gottesdienst und Unterricht eingerichtet, meist in den evangelischen Kirchen, die uns in brüderlicher Gastlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Alles war in Bewegung geraten: alteingesessenen Familien zogen fort, nach dem Westen ? Umsiedler und Flüchtlinge zogen zu, aus dem Osten und Süden. Die Gemeinde wurde in ihrem Bestand fast ausgewechselt....
Buchstäblich mit nichts kamen die meisten Umsiedler und Vertriebenen, vor allem die heimkehrenden Soldaten an. Caritative Hilfe wurde in der Gemeinde groß geschrieben. Es waren die Jahre oft selbstloser Nächstenliebe, die heroischen Jahre des Wiederbeginns, die nicht mehr wiederkehrten...
Pfarrer Jochmann sorgte sich um die Wiederherstellung der
Kirche. 1947 wurde die Bauerlaubnis unter der Bedingung gegeben,
daß kein Material und keine Arbeitskräfte gefordert werden dürften. Am 24.6.1948 war Richtfest, es war der Tag der Währungsreform, der Bau mußte unterbrochen werden.
Später haben Gemeindemitglieder in bewährter Zusammenarbeit aus Trümmern des Arado?Werkes Klinkersteine und Asphaltplatten geborgen. Als das gestoppt wurde, konnte das an das Pfarrhaus angrenzende Ruinengrundstück erworben werden, auf dem die noch erforderlichen Mauersteine vorhanden waren.
Bei der Finanzierung des Aufbaues haben der Kardinal von Preysing, das Ordinariat und das Bonifatiuswerk großzügig mitgeholfen.
Am Palmsonntag 1949 war der Einzug in die wiederhergestellte Pfarrkirche. Die innere Ausgestaltung erforderte allerdings noch Monate eifrigen Schaffens.
So bekam die Kirche ihr viertes Gesicht, und dieser Wiederaufbau
ist sicher die größte Leistung der Gemeinde an der 125 jährigen Kirche gewesen.
Zur Jahrhundertfeier am 12.8.1951 war die Ausmalung und Einrichtung der Kirche vollendet. Fast bis zum letzten Augenblick war es fraglich, ob Bischof Weskamm zu dieser seiner ersten Amtshandlung außer
halb von Berlin kommen könne. Schließlich entschloß sich der Bischof, bei den gegebenen Schwierigkeiten auf westberliner Boden bis zur Glienicker Brücke zu fahren, dort zu Fuß über die Brücke auf die sowjetisch besetzte Seite zu gehen, dort erwartete ihn Herr Petrowski aus Klein Kreutz mit seinem Auto und brachte ihn nach Brandenburg.
Jedenfalls, - Bischof Weskamm war da!

Zum Pontifikalamt sang der St. Hedwigschor, und gab auch am Nachmittag, zum festlichen Ausklang ein geistliches Kontert im Dom. Eine "Festschrift" zum hundertjährigen Bestehen der Dreifaltigkeitskirche von Dr. Ursula Creutz erschien und erläuterte die Malerei und Einrichtung der Kirche und gab eine gediegene kirchengeschichtliche Darstellung der Brandenburger Gemeinde.
Neue Glocken, die dritten seit Bestehen der Kirche, waren im gleichen Jahr geweiht worden, einen von ihnen trägt die Umschrift: "Vox clamantis in deserto, parate viam Domini!" Stimme des Rufers in der Wüste, bereitet den Weg des Herrn, - und nahm damit die Überschrift des Bettelbriefes von 1849 wieder auf.
Auf die Gemeindegründungen von Brandenburg aus wird noch eigens eingegangen werden, - 1952 wurde die Kirche St. Elisabeth auf dem Görden, 1953 die Kirche St. Josef in Jeserig eingeweiht. Die Kolpingsfamilie hatte auf eigene Initiative und Kosten und durch die Eigenarbeit vieler Mitglieder diesen Pfarrsaal gebaut, Paul Portala und Wilhelm Stöber waren die Initiatoren. Am 24.4.1957 wurde der Pfarrsaal eingeweiht, 1959 eine Bühne angebaut.
Alle diese Bauten - hier und überall in Bistum - waren in jenen Nachkriegsjahren trotz unsagbarer Schwierigkeiten zustande gekommen: Mangel an Baumaterial und Geld, Behördeneingriffe, fehlende Arbeitskräfte, Unterbrechungen.
Es ist von Priestern und Gemeindemitgliedern zähe und harte Arbeit geleistet worden, um die Bauten zu vollenden. Zugleich hat diese gemeinsame Arbeit die Beteiligten zusammengeschweißt. Was den inneren Aufbau angeht: Es galt, den Umsiedlern eine neue Heimt in der Gemeinde zu geben. Das war eine caritative und seelsorgliche Aufgabe, der Pfarrer und Gemeinde mit allen Kräften dienten.
Priester und Seelsorgehelferin fuhren damals meist mit dem Fahrrad. Pfarrer Jochnann veröffentlichte 1951 eine kleine Schrift "Fahrrad und Postkarte - zwei Helfer in der Diaspora". Tiefgreifende Erneuerung brachte 1951 die Volksmission der Redemptoristen in der Stadt und in zehn Ortschaften.
1952 wurde Ludwig Kirschner in Berlin zum Priester geweiht, bekam aber keine Aufenthaltsgenehmigung für Brandenburg, um in seiner Heimatkirche die Primiz zu feiern.
1959 feierte der Neupriester Paul Berger hier seine Primiz. 1959 vollzog Weihbischof Bengsch in der Pfarrkirche die Einkleidung von zwei Kandidatinnen für den Konvent der Schwestern im Marienkrankenhaus, der weitere Einkleidungen in den nächsten Jahren folgten. Aus der Gemeinde sind Sr. Maria Regina Goltz und Sr. Gertrud Nowitzki hervorgegangen. Ermutigung ging stets von der Teilnahme an den großen deutschen Katholikentagen aus, vor allem von denen in Berlin 1952 und 1958, die zugleich die letzten gesamtdeutschen Begegnungen waren. -
Die Gemeinde hat in allen Jahren eine tüchtige und einsatzbereite Jugend gehabt, die begabte Jugendseelsorger führten, hier ist besonders Kaplan
Werner Jakubowski zu erwähnen.
Pfarrer, Geistlicher Rat, Erzpriester, Monsignore Albrecht Jochmann verstarb am 14.6.196o an einem Herzinfarkt, nachdem er 23
Jahre lang seiner Gemeinde gedient hatte. Er ist auf dem Neustädt. Friedhof beigesetzt.

Nicht viel mehr als ein Jahr des Wirkens war dem 7. Pfarrer, Klaus G a w l i t t a, beschieden. In diesem Jahr wurde das sehr erneuerungsbedürftige Pfarrhaus umgebaut, die Kirche mit neuen Bänken versehen und gemalt, wobei die Seitenaltäre und die darüber befindlichen Malereien verschwanden.
Franziskaner hielten im Mai 1962 eine Volksmission.
Pfarrer Gawlitta konnte sich von einem Herzinfarkt nicht mehr erholen und nicht mehr in seinen Dienst zurückkehren.

Und so ist der gegenwärtige Pfarrer der 8. an der Dreifaltigkeitskirche, und es ist gut, sich als einer in der Reihe zu wissen, sei es in der Pfarrei, sei es im Bistum, sei es in der Gesamtkirche, wie es diese synchronisierte Tafel darzutun versucht. In der Reihe, die durch 125 und mehr Jahre bis hierher geführt hat, und weiter führen wird.
Die politischen Herrschaftsformen haben in diesen Jahren vielfach gewechselt, wie es diese Tafel buntfarbig zeigt, und werden es weiter tun. Die Verheißung des Herrn, die Gabe des Heiligen Geistes gilt der Kirche.

Die letzten Jahre sind noch in aller Erinnerung. Es galt, in dem alltäglichen Leben der Gemeinde die Erneuerungen des 2. Vatikanischen Konzils fruchtbar zu machen, nur wenige herausragende Ereignisse seien erwähnt: die alljährlichen Dekanatstage an Pfingstmontag in Lehnin, die an die Stelle der großen Katholikentage getreten sind. Sie führen die Katholiken der Diaspora zusammen, daß sie die tragende Kraft der größeren Gemeinschaft erfahren. Die ökumenischen Bemühungen wurden greifbarer in vielfältigen Kontakten und gemeinsamen Gebetsgottesdiensten. Der Pfarrsaal wurde 1967 von den Männern der Gemeinde erneuert, - überhaupt der Pfarrsaal: er diente ernsten Gesprächen und gelehrten Vorträgen, er sah fröhliche Menschen, er sah die Alten und die Kinder und versammelte die Jugend. Die Tradition des Laienspieles, - in der Gemeinde sehr alt - wurde fortgesetzt. Die Spiele am Dekanatstag, mit mancher Wiederholung anderswo, leben zur Freude der Spieler und der Gemeinden fort. -
Die Seelsorgehelferinnen haben im Pfarreileben ihre unvertauschbaren Aufgaben. Frl. Fleischer wurde 1965 nach 27 jährigem Wirken von Frl. Töpper abgelöst.
Aus der Pfarrei sind zwei Seelsorgehelferinnen hervorgegangen.
- Seit 1971 haben wir in der Gemeinde zwei Diakonatshelfer mit bischöflicher Sendung, den Dekanatsfürsorger Werner Kießig und Herrn Arnold Müller. -
Die Gemeinde machte sich mit Sinn und Aufgaben eines Pfarrgemeinderates vertraut, bis 1970 ein gewählter Pfarrgemeinderat errichtet war; sein erster Vorsitzender war fünf fruchtbare Jahre lang der 1975 plötzlich und zu früh verstorbene Herr Adolf Thon. Sein Grabstein auf dem Neustädt. Friedhof trägt sein Bekenntnis, das er kurz zuvor im Männerkreis formuliert hatte: "Glaube ist mir Entfaltung, Bewährung und Vollendung meines Lebens. - Als Weihbischof Kleineidam 1975 zur Firmung unserer Jugendlichen kam, da war es die 28. Firmung in der Gemeinde. Die erste hatte noch in der Petrikirche 1845 Propst Brinkmann gespendet.

In der ersten Sitzung mit dem neuen Pfarrer im September 1962 fragte ein Kirchenvorsteher: "Herr Pfarrer, wollen auch Sie jetzt die Kirche gleich umbauen?" Der Pfarrer antwortete: "Kirche und Pfarrhaus sind in gutem baulichen Zustand, ich sehe keine Notwendigkeit, etwas anders zu machen." Der Kirchenvorsteher: "Wir danken Ihnen für diese Antwort." ? War diese Anfrage nicht kennzeichnend für eine bauwütige Zeit?
Aber nach l0 Jahren war es dann doch so weit.
Bei einer Befragung der Gemeinde 1970 war der Wunsch nach einer Neugestaltung der Pfarrkirche immer deutlicher ausgesprochen worden. Eine zu erneuernde Liturgie erforderte einen erneuerten Altarraum. Außerdem traten nunmehr verschiedene bauliche Schäden in Erscheinung. So wurde etwa zwei Jahre lang geplant und entworfen, und nicht zuletzt: Die Gemeinde vorbereitet.
Ein Jahr lang wurde umgebaut, von Juni 1972 bis Juni 1973. Der Architekt war Franz Klinger, aus unserer Gemeinde. In dem einen Jahr haben lo8 Gemeindeglieder unentgeltlich 1312 Arbeitseinsätze von verschiedener Dauer, von 1 - 5 Stunden. geleistet. Wir haben ohne Zuschüsse, aus eigenen Mitteln und Spenden gebaut.

Die Kirche erhielt ihr fünftes inneres Aussehen (1851, 1906, 1939, 1949 und 1973). Jede Zeit hat aus ihrem Empfinden nach besten Kräften ihr Gotteshaus gebaut und ausgestaltet.
Was zu seiner Zeit als schön, würdig und notwendig galt, muß es nicht zu anderen Zeiten sein. Damit wird nicht geleugnet, daß eine zeitlos gültige Kunst möglich ist, ? aber wo ist das mehr als annähernd gelungen?

Jede Generation hat das Recht und die Aufgabe, nach eigenem Empfinden und Kräften neu zu gestalten, weiter zu entwickeln. Bei der Neugestaltung 1972 fragten wir uns: Welche Baustoffe sind für uns erreichbar? Was können wir selbst machen? Was können wir selbst bezahlen? Diese Erwägungen sollten uns davor bewahren, in Material und Formgebung "über unsere Verhältnisse" zu leben und dadurch unwahrhaftig zu werden. Wir sind Kirche der Diaspora, Kirche der Minderheit, Kirche in Bedrängnis und Defensive, das sollte nicht durch Aufwand überspielt werden, - wir wollten auch eine "arme Kirche" sein, eine Gemeinde, die nicht auf Kosten anderer Gemeinden und zu Lasten anderer Aufgaben baut, sondern nur baut, was sie selbst tragen kann und ausfüllt.
"Für Gott ist nur das Beste gut genug": Im Bemühen um edles Maß und gute Proportion, in der dienenden Zurückhaltung der Formen, in der Beschränkung auf wenige Baustoffe, damit der Raum Ruhe ausstrahlt und zur Stille mahnt, ja daß er selbst "durch Demut und Stille zum Lobe Gottes beiträgt"; daß er in abgewogener Harmonie Hintergrund und bergende Hülle ist für das, was in ihm geschieht, und die in ihm Versammelten zur Sammlung führt.

Bevor wir zum Schluß kommen, gestatten Sie mir noch zwei kleine Exkurse.

 

I. Über die Altertimer unserer Kirche.

1)Aus der Zeit der Urkirche: das Reliquiengrab im Altar deckt ein Bruchstück von einer Grabplatte aus den römischen Katakomben, Alpha und Omega und das Christusmonogramm, Chi Rho, sind zu erkennen, und TAS - wahrscheinlich von VERITAS, was Wahrheit bedeutet.

2) aus der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts ist die kleine Glocke, die ursprünglich auf dem 1849 abgerissenen Turm der Petrikirche am Dom hing. Sie hat von 1810 bis 1848 die Gottesdienste der kleinen katholischen Gemeinde eingeläutet.

Kein Wunder, daß Pfarrer Tieffe sie vom Domkapitel für die neue Dreifaltigkeitskirche erbettelte. 1926 erbettelte sie die Oberin für das Marienkrankenhaus. Damit ist die Glocke vor dem Schicksal der großen Glocken im Kirchturm der Dreifaltigkeitskirche bewahrt geblieben, die im April 1945 im Feuer der brennenden Kirche herunterstürzten, geschmolzen und geborsten.
Die Glocke wurde noch nach 1945 geläutet, bis beim Läuten ein Stück herausbrach. Seitdem stand sie vergessen auf dem Boden... und wurde erst 1976 wieder entdeckt.

3) aus dem 15.Jahrhundert, aus der Zeit von 1510 - 152o stammt der Crucifixus am großen Altarkreuz.
Es bestand von Anfang an die Absicht, dem abstrakten Zeichen des Kreuzes einen konkreten Corpus, den Leib dessen, der am Kreuz gehangen hat, anzufügen. Es hätte ein zeitgenössischer Künstler dafür gewonnen werden können, doch das ist von vielen Ungewißheiten abhängig. Oder es sollte ein alter Corpus gefunden werden, der aus einem toten Magazin wieder an den Ort gebracht wurde, der ihm in einer lebendigen Kirche zukommt.
Wir erwarben den Corpus aus einer zum Abriß bestimmten Kirche in Langenstein bei Halberstadt.
Ein Christus am Kreuz ist kein Ausstellungsobjekt, an dem man ästhetisch würdigend vorübergeht, sondern die Repräsentation des Christus, vor dem wir das Knie beugen, zu dem wir beten.

4) aus dem 17.Jahrhundert, genauer von 1625 ist eine Glocke, die 1951 von einem "Glockenfriedhof" des 2.Weltkrieges als "Glocke unbekannter Herkunft" zu uns kam.
Inzwischen konnte festgestellt werden, daß diese 1625 von Meister Otto Albrecht gegossene Glocke nach Semmeritz im Kreis Schwerin an der Warthe, gekommen war.

5)aus dem 19. Jahrhundert, von 1845 ist unsere alte Monstranz.

 

II) der zweite kleine Exkurs gelte den Gemeindegründungen.

Die Mutterkirche von der Heiligsten Dreifaltigkeit hat Töchter und Enkelinnen:

1)Rathenow: Schon 1843 wurde dort ein erster katholischer Gottesdienst gehalten. Ab 1852 regelmäßig in der Wohnung der Gräfin Schönburg. Die St. Georgskirche wurde 1893 von Erzpriester Schomer benediziert. Die Kirche ist von Engelbert Seibertz entworfen, aber aus Geldmangel ist nur das Langschiff fertiggestellt.

2) Belzig: 1875 wurde für die Eisenbahnarbeiter Gottesdienst gehalten, solange die Arbeiten dauerten. Ab 1911 hielt Pfarrer Glasneck im Schützenhaus regelmäßigen Gottesdienst. Die Bonifatiuskirche wurde von Karl Erbs entworfen und 1932 von Bischof Schreiber benediziert.

3) Wiesenburg: 1878 waren Gottesdienste im Hofjäger, als an der Eisenbahn Eichsfelder Streckenarbeiter bauten. Nach der Konversion der Gräfin Elisabeth von Fürstenstein, ab 19o5 im Schloß eine ständige Kapelle, im beuroner Stil ausgemalt.
Sie wurde 195o gekündigt. Es wurde die St. Elisabethkirche gebaut und 1952 von Bischof Weskamm benediziert.

4) St. Bernhard, Brandenburg: Seit 192o war in einer Walzwerkbaracke Gottesdienst. Um die Sammlung der Gemeinde und den Bau einer Kirche war unermüdlich der Obermeister Franz Xaver Sievert bemüht. Die St. Bernhard Kirche, von Stadtbaurat Dr. Karl Erbs entworfen, wurde am 1934 von Bischof Bares benediziert.

5) St. Elisabeth, Brandenburg Görden: Seit 1942 Gottesdienste in der evangelischen Notkapelle, seit 1947 in der Hauskapelle, Mendelssohnstr. Um den Bau der St. Elisabethkirche waren Herr Lebegern und Baumeister Puchalla bemüht. Sie wurde 1952 von Generalvikar Puchowski benediziert.

6) Hl. Familie, Lehnin: 1896 erster Gottesdienst im Gasthaus. Um die Sammlung der Gemeinde und Erwerb eines Grundstücks haben sich Kaufmann Georg Völker und seine Familie sehr verdient gemacht. Erst nach 1945 wurde ein eigener Seelsorger angestellt, P. Engler. Weihe der Kapelle im Hause Völker 1948.

7) St. Josef, Jeserig: Die Kirche, von Baurat Hinssen entworfen, wurde 1953 von Bischof Weskamm benediziert.

8) Lokalie Brandenburg Nord im Marienkrankenhaus: Im Krankenhaus St. Paulusberg war seit 1923 eine Hauskapelle. Die Weihe des Hauses als St. Marienkrankenhaus wurde 1927 von Weihbischof Deitmer vollzogen. Die Lokalie Brandenburg Nord wurde 1966 errichtet.

Kommen wir zum Schluß.

Nur wenige, besondere Ereignisse konnte die Chronik aus den 125 Jahren herausheben.
Das Leben einer katholischen Gemeinde hier und anderswo besteht aus dem, was an jedem Tag in Treue getan werden muß:

Ehen wurden geschlossen, Kinder getauft, im Kindergarten betreut, im Glauben unterwiesen, die Jugend wurde gesammelt, Erwachsenenkreis gehalten, Kranke besucht, Sterbende versehen, Verstorbene beerdigt, Außenstellen betreut, silberne und goldene Hochzeiten eingesegnet, Hilfsbedürftige fürsorgerisch betreut, viele Arbeitsbesprechungen gehalten im Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat und sonst wo, - vor allem aber wurden die Sakramente empfangen und die Heilige Eucharistie gefeiert, Sonntag für Sonntag, Tag für Tag, - in der Stille füreinander gesorgt, die Weltanliegen der Mission und der Caritas nicht vergessen es wurde geopfert, die Kirche in dieser Stadt präsent gemacht, Gott verherrlicht.

Vielleicht gelang das Wagnis christlichen Lebens hier und dort, vielleicht war das Zeugnis des Glaubens unter den Menschen glaubwürdig, vielleicht wuchsen aus der Gnade Gottes Glaube, Hoffnung und Liebe, - und alles hätte immer noch mehr und besser sein können ...

Wie es weiter geht? Diaspora ist hochherzige, ja oft heroische Bewährung bei großen Verlusten.
Halbheiten gedeihen nicht, Mitläufer werden bald woanders mitlaufen. Um klare Entscheidungen kommt kein Christ herum. Vielleicht ist die Zahl derer, die aus eigener Entscheidung und gleichsam gegen den Strom schwimmend Christ sein wollen und sind, größer als es in konventionell katholischen Gegenden möglich war?
Das heißt uns hoffen.

 

 

 

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Rathenower St. Georgs-Kirche

 

 

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Rathenower St. Georgs-Kirche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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St. Josephs-Kirche in Jeserig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Blick auf St. Elisabeth
Brandenburg-Görden

 

 

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St. Elisabeth
Brandenburg-Görden

 

 

 

 

 

 

 

 

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Innenansicht der katholischen
Kapelle "Hl. Familie" Lehnin

 

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Pater-Engler-Haus in Lehnin

 

 

 

 

 

 

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St. Bonifatius in Belzig

 

 

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St. Bonifatius in Belzig,
Innenansicht

 

 

 

 

 

 

 

 

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St. Peter und Paul, Nauen

 

 

 

 

 

 

 

 

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St. Bernhard,
Walzwerksiedlung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ansicht der Kapelle des
"St. Marienkrankenhauses",
Anfang 1960

 

 

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Gegenwärtige Ansicht
der Kapelle des
"St. Marienkrankenhauses"

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kirche in Friesack

 

 

 

 

 

 

 

 

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Plaue

 

 

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Kapelle in Plaue

 

 

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