Chronik
Katholische Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit Brandenburg a.d. Havel
0. Vorwort 7. Der Aufbau nach 1945
1. Die ersten Gottesdienste 8. Die Gemeinde
2. Der erste Ortspfarrer 9. Die katholischen Ordensschwestern in Brandenburg
3. Die eigene Kirche 10. Das Dekanat
4. Die katholische Kirche in der Öffentlichkeit 11. Die Gefangenenseelsorge
5 Die katholische Schule in Brandenburg 12. Die St. Nikolaikirche
6. Das Dritte Reich 13. Wichtige Daten und Fakten
 

 8. Die Gemeinde

 
 
Alles schien in jenen Jahren in Bewegung. Auf der einen Seite die vielen Heimatsuchenden, auf der anderen Seite Familien, die über Generationen hier gelebt hatten und nun die Stadt verließen. Politischer Druck und soziale Unsicherheit waren die häufigsten Ursachen.
Nahtlos hatte sich der Machtwechsel vollzogen. Eine Diktatur löste die andere ab. Schon bald wurden die Kirchen wieder angefeindet, ihre Mitglieder diskriminiert. Es galt eindeutige Standpunkte zu vertreten. Viele arrangierten sich, denn wieder entschied die Parteizugehörigkeit über Stellung in Beruf und Gesellschaft. Die Minderheit, die ihre christliche Identität nicht aufgab, mußte sich auf die Konfrontation mit der Staatsmacht einstellen. Am schwersten hatten es Familien mit Kindern. So wurde die Kirche eine Alternative zur staatlich verordneten Einheitsideologie.

Am 14. Juni 1960 verstarb Pfarrer Albrecht Jochmann an den Folgen eines Herzinfarktes. Viele Gemeindemitglieder, Vertreter der Stadt sowie katholische und evangelische Geistliche begleiteten den Toten am Tage seiner Beisetzung von der Pfarrkirche durch die Straßen der Stadt zum Neustädtischen Friedhof. Hier ruht er an der Seite seiner verstorbenen Mitbrüder.
Nur kurze Zeit war dem Nachfolger, Pfarrer Klaus Gawlitta, beschieden. Nach fast einem Jahr, im Oktober 1961, erlitt er einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Trotzdem ging das Gemeindeleben weiter.
Im Jahr 1961 erhielt die Kirche neue Bänke.

1962 fanden Einkehrtage statt. Im gleichen Jahr erlebte die Gemeinde eine Volksmission .
Wegen seiner Erkrankung kehrte Pfarrer Gawlitta nicht mehr in die Gemeinde zurück. Er wurde am 26. August 1962 verabschiedet und starb am 18. August 1964. Am 16. September 1962 wurde Pfarrer Harry Semrau durch Prälat Schmitz (Berlin) in Brandenburg eingeführt.

Die folgenden Jahre waren erfüllt mit verschiedensten Aktivitäten im innerkirchlichen Bereich. Neben den Gottesdiensten entstanden Interessengemeinschaften und Gesprächskreise. Die Kinder- und Jugendseelsorge erhielt dabei einen besonderen Stellenwert.
Da junge Christen nicht öffentlich in Gruppen auftreten durften, richtete die Berliner Bischofskonferenz in den 60er Jahren die "Religiösen Kinderwochen" (RKW) ein. Die offizielle Version lautete: "Religionsunterricht für Schulkinder". So konnten katholische Mädchen und Jungen ungehindert in den Sommerferien auf Reisen gehen.
Für die Brandenburger Kinder waren Neustadt/Dosse und Lehnin die Reiseziele. Begleitet wurden sie von Priestern, MitarbeiterInnen und Jugendlichen aus der Gemeinde. Auf dem Programm standen neben Gottesdiensten und religiösen Unterweisungen viele sinnvolle Freizeitbeschäftigungen. Daher erfreuen sich die RKW auch heute bei allen Kindern großer Beliebtheit.
Am 10. November 1962 fand in der Gemeinde die erste St. Martinsfeier statt. Dem Umzug der Kinder mit Lampions folgte ein kurzes Spiel auf dem Pfarrhof. Der Hl. Martin zu Pferde teilte seinen Mantel und reichte ihn dem in Lumpen gehüllten Bettler zu seinen Füßen. Anschließend wurden bei einer kurzen Andacht in der Kirche Geld- und Sachspenden eingesammelt. Seit 1991 findet dieser Umzug ökumenisch statt.

Am 4. März 1964 stellte Pfarrer Semrau interessierten Gemeindemitgliedern ein Tonband "Jazz in der Kirche" vor.
Die anschließende Diskussion war angeregt, die Meinungen teilweise sehr unterschiedlich. Ein Jahr später entstand eine kleine Kinderschola, die zu besonderen Anlässen die sonntäglichen Familienmessen mitgestaltete. Inzwischen ist daraus ein Kinderchor mit ca. 20 Mädchen und Jungen geworden, der seinen festen Platz im Familiengottesdienst gefunden hat. Ebenfalls in den 60er Jahren schlossen sich Jugendliche beider Konfessionen zur ökumenischen Kreiskirchenband zusammen, die unter dem Namen "PATCHWORK" zunehmend an Profil gewann und bei Konzerten und kirchlichen Veranstaltungen immer wieder die Zuhörer beeindruckt. Ebenfalls ökumenisch ist die 1995 gegründete Jugendband "Et tamen", die ihrerseits mit Singen und Spielen die christliche Botschaft in und um Brandenburg verbreiten möchte.

Christen in der Diaspora leben von den religiösen Höhepunkten. Da durch die Teilung Deutschlands und durch den Mauerbau die Teilnahme an den Deutschen Katholikentagen nicht mehr möglich war, führten Pfarrer Semrau und Pfarrer Adler (Potsdam) 1963 die Dekanatstage für Potsdam und Brandenburg ein. Großzügig stellten die evangelischen Christen Lehnins die Klosterkirche zur Verfügung. Bis auf wenige Unterbrechungen trafen sich nun die Gemeinden der Dekanate Potsdam und Brandenburg jährlich am Pfingstmontag in Lehnin.

Als im Oktober 1965 die 800-Jahr-Feier des Brandenburger Domes stattfand, begegneten sich evangelische und katholische Christen. Hier wurden die ökumenischen Bemühungen greifbar. In den folgenden Jahren setzten sie sich in regelmäßigen gemeinsamen Gottesdiensten fort.
Am 1. April 1968 erhielt die Pfarrkirche eine Kleinorgel der Potsdamer Orgelbaufirma Joachim Schuke.
Die alte Orgel wurde bei dem Brand 1945 zerstört. Verschiedene Gutachten und Umbauvorschläge der Firma Schuke dokumentieren aber den Aufbau und die Klangfähigkeit des alten Instrumentes. So schrieb Alexander Schuke 1937: "Das Werk wurde vor ca. 80 Jahren von dem Orgelbauer Dinse oder den Orgelbauern Lang und Dinse (Berlin) erbaut. ... Sie (die Orgel) war sehr solide und sauber gebaut, wenn sie auch in klanglicher Hinsicht kein Kunstwerk jemals gewesen ist." An anderer Stelle nennt Schuke die 17 vorhandenen klingenden Register. Ein altes Foto vermittelt zusätzlich einen optischen Eindruck.

Die Ergebnisse des II. Vatikanischen Konzils sollten auch für Brandenburger Katholiken wirksam werden. 1970 wählte die Gemeinde ihren ersten Pfarrgemeinderat. Im Mai 1971 berief Kardinal Bengsch (Berlin) die ersten Diakonatshelfer, denen später Diakonatshelferinnen folgten.

Bei einer Umfrage in der Gemeinde 1970 war der Wunsch nach einer Umgestaltung der Pfarrkirche deutlich geworden. Verschiedene bauliche Mängel sowie liturgische Veränderungen nach dem Konzil rechtfertigten eine Erneuerung des Innenraumes. Der Umbau dauerte von Juni 1972 bis Juni 1973. In dieser Zeit leisteten 108 Gemeindemitglieder 1.312 Einsätze.
Gestalt und Ausstattung entsprachen dem Zeitgeschmack und den finanziellen und bautechnischen Möglichkeiten der 70er Jahre. Inzwischen hatte die Kirche ihre fünfte Innenraumgestaltung erhalten (1851, 1906, 1939, 1949 und 1973). Das Missionskreuz von 1962, das bisher vor der Kirche stand, erhielt seinen Platz in der Apsis. Nach längerem Suchen fand sich in Langenstein bei Halberstadt ein passender Kruzifixus. Seine Entstehung wird zwischen 1510 und 1520 angegeben.

Schon lange besteht in der Krypta des Brandenburger Domes eine Gedenkstätte für die Opfer ungerechter Gewalt. Im Zuge der Bauarbeiten entstand auch in der Hl. Dreifaltigkeitskirche eine Gedenkstätte für die Priester und Laien, die von 1942 bis 1945 im Brandenburger Zuchthaus hingerichtet wurden.

Ein besonderes Ereignis war die Feier der Ersten Heiligen Kommunion der Lokalie Brandenburg/ Nord am 6. Mai 1973 im Dom. Da die Pfarrkirche von 1972-1973 wegen Bauarbeiten nicht genutzt werden konnte, hatte die Domgemeinde extra ihren Gottesdienst verschoben, um den Kommunionkindern in ihrem Gotteshaus eine würdige Feier zu ermöglichen. Die Kinder der Dreifaltigkeitsgemeinde feierten ihre Erste Heilige Kommunion im eigenen Pfarrsaal.

Im Herbst 1976 begannen die Festwochen anläßlich des 125-jährigen Bestehens der Pfarrkirche. Sie wurden am 26. September mit einem geistlichen Konzert eröffnet. Bläser und Sänger des Brandenburger Theaters sowie der Organist der Dreifaltigkeitsgemeinde wirkten bei dieser Aufführung mit.
In den nächsten Tagen folgten geistliche und geschichtliche Vorträge und eine recht eindrucksvolle Ausstellung im Pfarrsaal. Höhepunkt und Abschluß war ein Festgottesdienst am 9. Oktober mit Alfred Kardinal Bengsch. Es sangen die Dresdener Kapellknaben.

Am 5. März 1979 erhielt die Pfarrkirche einen neuen Kreuzweg. Die Leidensstationen Christi wurden von Josef Krautwald (Rheine/ Westfalen) als Flachreliefs gegossen. Das Material ist eine Aluminium-Siliziumlegierung.

Bei Aufräumungsarbeiten auf dem Pfarrhof im August 1980 fand sich in einem Schuppen der alte, lange vermißte Turmknopf, der die Turmspitze bis 1945 geziert hatte. Der Inhalt bestand aus Schriftstücken und Münzen von 1850, 1910 und 1929.

Am 1. Juni 1981 veranstaltete der Dom eine ökumenische Begegnung und eine Ausstellung aller christlichen Gemeinden der Stadt. Umrahmt wurde dieses Treffen durch ein gemeinsames Singen aller Kirchenchöre unter der Leitung von KMD Ernst Damus.
Während der evangelischen Kirchenmusikwochen fand am 4. Juni 1982 in der Pfarrkirche ein Bläserkonzert statt. Am Abend sang der Chor der Hedwigskathedrale (Berlin) das "Te Deum" von Bruckner und am darauffolgenden Dreifaltigkeitssonntag in der 10 Uhr Messe die "Missa brevis" in B-Dur von Joseph Haydn.
Ob die Dreifaltigkeitsgemeinde von Anfang an einen eigenen Kirchenchor hatte, ist nicht eindeutig nachweisbar. Sicher ist, daß in der Vergangenheit Chöre bestanden haben. 1973 gründete Kaplan Norbert Kliem einen "Singekreis". Im Laufe der Jahre entstand daraus ein Chor, der auch heute noch zu besonderen Anlässen die Gottesdienste mitgestaltet. Im gleichen Jahr hatten sich katholische Schüler der Brandenburger Musikschule zu einer Streichergruppe zusammengefunden, um bei dem Festgottesdienst am Hl. Abend mitzuwirken. Später entstand daraus das ökumenische "Vivaldiorchester", das viele Jahre hindurch eine Bereicherung der Festgottesdienste in der Pfarrkirche war. Kurz nach 1989 löste sich das Orchester auf. Die neue Zeit veranlasste die meisten eigene Wege zu gehen. Inzwischen gibt es wieder ein paar begabte junge Musiker, die als kleine Gruppe den Gottesdienst am Heiligen Abend mitgestalten.

Am 16. August 1983 brannte das benachbarte Pionierhaus . Und wieder war die Pfarrkirche in Gefahr. In einem Großeinsatz der Feuerwehr gelang es, die benachbarten Häuser und die Kirche zu sichern. Das denkmalgeschützte Vorderhaus und der Saal brannten bis auf die Grundmauern aus.

Am 24. Februar 1985 feierte Pfarrer Semrau sein Goldenes Priesterjubiläum. Zu diesem Anlaß sangen der Chor der Dreifaltigkeitsgemeinde und die Evangelische Kantorei Belzig unter der Leitung von Frau Thea Labes die "Missa solemnis" von Carl Gottlieb Reißiger. Seit dieser Aufführung singen heute noch einige Brandenburger bei besonderen Anlässen in Belzig mit.
Vier Monate später stellte Pfarrer Semrau nach 23-jähriger Amtszeit die Pfarrei aus Altersgründen zur Verfügung. Am 20. Oktober des gleichen Jahres wurde der neue Pfarrer Richard Rupprecht von Dekan Paul Berger (Premnitz) in Brandenburg eingeführt. Am Tag darauf erfolgte die kirchenrechtliche Übergabe.
Der Priestermangel im Bistum und im Dekanat machte besondere Maßnahmen erforderlich. So mußten die Gottesdienstzeiten im ganzen Stadtgebiet verändert werden. Die Pfarrkirche sollte von nun an Zentrum werden. Ein Pastoralkonzept für alle Mitarbeiter regelte schwerpunktmäßig die Aufgabenstellungen. Unabhängig von den jeweiligen Verantwortungsbereichen erklärten sich alle zur Mithilfe und zur Übernahme von Aufgaben bereit.

Im April 1986 hatte die Gemeinde eine spätbarocke Marienstatue von Kardinal Meißner (Berlin) erhalten. Sie stammte aus dem Nachlaß des verstorbenen Prälaten Thiesen aus Regensburg. Im Rahmen einer feierlichen Maiandacht wurde die Figur am 1. Mai geweiht.

Am 23. September 1986 eröffnete Pfarrer Rupprecht einen Kurs "Glaubensinformation für Erwachsene". Ziel war es, nichtkatholischen Menschen den Inhalt des katholischen Glaubens nahe zu bringen. Dieses Angebot fand Interesse und kann auch in Zukunft wahrgenommen werden.

Es ließ sich nicht mehr übersehen, das kommunistische System war am Ende. Die politischen und wirtschaftlichen Spannungen in der DDR machten sich auch in Brandenburg bemerkbar. Oppositionelle Gruppen hatten sich gebildet. Im Oktober 1989 wollte das "Neue Forum" sein Programm der Bevölkerung vorstellen. Öffentliche Räumlichkeiten konnten aber dafür nicht gefunden werden. So erklärte sich die Dompfarrerin Cornelia Radeke bereit, den Dom am 21. Oktober für einen Informationsabend zur Verfügung zu stellen. Obwohl der Termin nicht veröffentlicht werden durfte, hatten sich viele Bürger der Stadt auf dem Burghof eingefunden. Brandenburger aller Konfessionen und Weltanschauungen waren gekommen. Da der Dom die Menschenmassen nicht aufnehmen konnte, mußte die Veranstaltung zweimal wiederholt werden. Wartend verharrte eine stumme Menge auf dem dunklen Vorplatz. Erst nach Mitternacht verließen die letzten Teilnehmer den Dom. Am 25. Oktober 1989 fand im Dom das erste "Gebet für unser Land" statt. Eine Arbeitsgruppe der Domgemeinde und unserer Gemeinde hatte dieses Gebet vorbereitet.
Von nun an trafen sich regelmäßig Christen und Nichtchristen an jedem Mittwoch abwechselnd im Dom oder in der katholischen Pfarrkirche. Da nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 das Interesse immer mehr nachließ, wurde diese Form von Gebetsgottesdienst im März 1990 beendet.

Es war in den 80er Jahren üblich, daß zwischen Städten der DDR und der BRD Partnerschaften geschlossen wurden, so auch zwischen der Stadt Brandenburg und Kaiserslautern. Die Absicht war es, für die marode Wirtschaft der DDR Unterstützung aus dem Westen zu erhalten. Private Kontakte waren dabei nicht vorgesehen.
So kam Pfarrer Norbert Kaiser von "St. Martin" (Kaiserslautern) auf die Idee, diese Städtepartnerschaft auf kirchliche Ebene auszuweiten. Über das Bischöfliche Ordinariat Berlin und anschließend mit Pfarrer Richard Rupprecht (Brandenburg) wurden die ersten schriftlichen Kontakte geknüpft. Es folgte der Austausch von Adressen und Gemeindeinformationen. Am 16. Juli 1989 besuchte Pfarrer Kaiser mit drei Gemeindegliedern aus "St. Martin" die Dreifaltigkeitsgemeinde. Dieser Besuch war der Anfang einer intensiven Gemeindepartnerschaft.

Die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze am 9. November 1989 brachte für die Gemeinde, aber auch für viele Gemeindemitglieder völlig unerwartet neue Perspektiven und Möglichkeiten. Viele gingen auf Reisen und kamen wieder. Andere verließen Brandenburg für immer. Wieder andere besannen sich auf ihren Ursprung und besuchten Heimatstadt und Pfarrgemeinde. Eine Gruppe ehemaliger Brandenburger Katholiken hatte sich um Prälat Stanislaus Szydzik geschart und als "Brandenburger Freundeskreis" viele Jahre zusammengehalten. Prälat Szydzik war von 1940 bis 1946 Kaplan in Brandenburg und hatte eine sehr intensive Jugendarbeit geleistet, die auch heute noch diesen Kreis prägt. Am 24. Juni 1990 fand das erste Treffen in Brandenburg statt. Seit dieser Zeit wiederholen sich die Besuche in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen.

Das Bedürfnis auch in Gemeinschaft zu reisen, veranlaßte den Diakon Werner Kießig im Herbst 1991 mit einigen Senioren der Gemeinde eine Pilgerfahrt nach Rom zu unternehmen. Es war der Auftakt zu vielen Seniorenfahrten.
Die Aufarbeitung deutscher Geschichte war der Tenor von zwei Gemeindefahrten in größerem Rahmen. So startete am 7. November 1995 eine Gruppe von 50 Personen unter Leitung von Pfarrer Richard Rupprecht eine achttägige Pilgerfahrt nach Israel. Ziel war nicht nur den Spuren Jesu nachzugehen, sondern auch ein Stück jüdische Geschichte zu erfahren. So waren neben den biblisch geprägten Orten vor allem die Gedenkstätte Yad Vashem und das Grab des kurz vorher ermordeten Iytzak Rabin in Jerusalem die besonderen Schwerpunkte der Reise.
Zwei Vorträge des Theologen Manfred Deselaers über Auschwitz und den Lagerkommandanten Rudolf Höß waren der Anlaß der zweiten Gemeindepilgerfahrt. Am 11. April 1997 fuhren 27 Personen mit Pfarrer Rupprecht für vier Tage nach Auschwitz und Birkenau in Polen. Vorbereitet und betreut wurde die Gruppe von Dr. M. Deselaers, der es verstand, dank seiner umfangreichen Kenntnis das Grauen dieser Orte greifbar zu machen. Am letzten Tag wurde im Lager Birkenau der Auschwitzkreuzweg von Dr. M. Deselaers gebetet. Im Text dieses Kreuzweges werden 14 reale Stationen menschlicher Erniedrigungen und Qualen dem Leidensweg Jesu auf dem Weg zum Kreuzestod gegenübergestellt. Das Erlebte machte alle betroffen und nachdenklich und das ist gut so!
Die Gemeindefahrt im September 1997 nach Rom und Assisi und die Fahrt nach Frankreich zu den berühmten Kathedralen des Landes im September 1999 waren erlebnisreich und vermittelten neben dem Interessanten und Wissenswerten vor allem das Gefühl von Zusammengehörigkeit auch außerhalb des Kirchenraumes.

Im Herbst 1989 hatte die Dreifaltigkeitsgemeinde mit dem Umbau ihres Pfarrsaales und der Erweiterung zum Gemeindezentrum begonnen. Neben dem großen Saal sollten eine Reihe kleinerer Räume für Religionsunterricht, Seminare und sonstige Veranstaltungen entstehen. Zu diesem Zweck wurde das bereits bestehende Gebäude in einen L-förmigen Neubau einbezogen und mit einem gemeinsamen Dach versehen. Die Einweihung begann am 5. September 1991 mit einer Vesper in der Kirche und endete am 7. September mit einem Festvortrag und einem Empfang im Saal. Unter den zahlreichen Gästen war auch Pfarrer Norbert Kaiser mit Gemeindemitgliedern aus Kaiserslautern.

Im gleichen Jahr gründeten vier Redemptoristen in Brandenburg-Hohenstücken eine Niederlassung . Ihr Hauptanliegen ist die Sozialarbeit in der Stadt. Dazu gehört die offene Betreuung von Jugendlichen unabhängig von Religion und Weltanschauung, ferner die Begleitung von Straf-gefangenen und deren Eingliederung in die Gesellschaft. Außerdem aber helfen die Patres auch pastoral in den Gemeinden der Stadt aus.
Besondere Anerkennung verdient ihr Einsatz für Ausländer und Asylbewerber in unserer Stadt. Seit 1992 wird der "Tag des ausländischen Mitbürgers" im katholischen Gemeindezentrum begangen. Der Nachmittag beginnt mit einem interreligiösen Gebet. Das anschließende Zusammensein auf dem Pfarrhof und im Saal dient dem gegenseitigen Kennenlernen und Verstehen und hat den Charakter eines Gemeindefestes. Ausgestaltet wird der Tag von Mitgliedern der Gemeinde und dem Arbeitskreis "Migration".
Schon immer war die Dreifaltigkeitsgemeinde aufgeschlossen für die Not anderer, sei es die Fürsorge für die Kriegsopfer des I. Weltkrieges oder die Unterstützung der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach 1945. Immer gab es Menschen in der Gemeinde, die sich engagierten und verfügbar waren, wenn sie gebraucht wurden.
So entwickelte sich auch jetzt eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen und der Pfarrgemeinde.

Die wirtschaftliche Not in der ehemaligen UdSSR und ihren Paktstaaten forderte die Hilfsbereitschaft der Brandenburger Katholiken. Im Januar 1991 beteiligte sich die Gemeinde mit 373 Paketen an einer Hilfsaktion für die Stadt Murmansk und im Dezember 1992 mit eine Spende von 2.900 DM für Magnitogorsk. 1993 folgten verschiedene Transporte mit Hilfsgütern nach Lipova in Rumänien und seit 1997 immer wieder Paketspenden für russische Familien mit behinderten Kindern in Gomel bei Tschernobyl.

Im Januar 1991 wurde auch in Brandenburg eine alte Tradition wieder neu belebt, das Sternsingen. Gerade in einer atheistisch geprägten Stadt wurde es zum öffentlichen Glaubenszeugnis junger Menschen, dem zunehmend Aufmerksamkeit und Anerkennung entgegengebracht wird. Die teilweise beträchtlichen Spenden sind für das "Päpstliche Missionswerk der Kinder/ Die Sternsinger" bestimmt.

Am 25. Februar 1995 feierte Pfarrer i.R. Harry Semrau zusammen mit Weihbischof Wolfgang Weider, einigen Mitbrüdern und vielen Gästen sein Diamantenes Priesterjubiläum. Er konnte noch selbst zelebrieren, obwohl es ihm sichtbar schwer fiel. Es sollte sein letztes öffentliches Fest sein. Am 17. Januar 2000 verstarb er nach langer Krankheit im Brandenburger St. Marienkrankenhaus. Das Requiem und die anschließende Beisetzung auf dem Neustädtischen Friedhof fanden am 24. Januar statt. Unter den Trauergästen waren neben ca. 300 Gläubigen, katholische und evangelische Geistliche, sowie Vertreter der Öffentlichkeit.

Längst war es dringend notwendig geworden, die Pfarrkirche innen und außen zu sanieren. Der Wiederaufbau nach 1945 war der angespannten wirtschaftlichen Situation entsprechend notdürftig und in einigen Details nur provisorisch ausgeführt worden. Eine spätere Nachbesserung oder ein genereller Umbau war auch in den folgenden Jahrzehnten unmöglich. So blieb es bei Kleinreparaturen und Malerarbeiten. Die umfangreiche Umgestaltung des Innenraumes 1972/73 geschah aus liturgischen Gründen und war eine Ausnahme.
Im Oktober 1994 wurde die marode Gasheizung der DDR-Zeit gegen eine neue ausgetauscht und eine Fußbodenheizung eingebaut. Nach langen Beratungen im Kirchenvorstand und im Pfarrgemeinderat und mit Genehmigung des Erzbischöflichen Ordinariates wurde Anfang 1996 endlich die umfassende Sanierung der Pfarrkirche beschlossen. Vor allem sollte die ursprüngliche Rundbogenstruktur im Altarraum wieder sichtbar gemacht werden und die Fenster im Kirchenschiff eine neue Gestalt erhalten. Am 12. Januar 1996 aber wurden die bereits bewilligten Mittel durch das Erzbischöfliche Ordinariat auf ein Mindestmaß gekürzt. Das hatte zur Folge, dass vorerst nur die Außenhülle saniert werden konnte. Turm und Kirchendach erhielten eine Metalldeckung. Der Innenraum wurde lediglich gereinigt und erhielt einen neuen Farbanstrich. Erst zwei Jahre später wurde es möglich, den Haupteingang neu zu gestalten und ein neues Kirchenportal zu finanzieren. Für den Sommer 2001 soll dann auch der bereits 1996 geplante Umbau des Altarraumes vorgenommen werden. Die Erneuerung der Fenster im Kirchenschiff aber bleibt aus Kostengründen vorerst verschoben.

"Kirche" ist nicht nur Architektur, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen. Kirche wird zum Haus Gottes, wenn die Gemeinde sie mit christlichem Leben erfüllt. So ist die Geschichte der Dreifaltigkeitskirche auch ein Stück lebende Gemeinde. Neben den herausragenden Ereignissen der vergangenen 150 Jahre gab es daher vor allem den christlichen Alltag. Es wurde Eucharistie gefeiert, Ehen geschlossen, Kinder getauft und im Glauben erzogen und die Gemeinde auch in dieser Stadt präsent gemacht.

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¹Siehe Kapitel 9: Die Katholischen Ordensschwestern
²
Siehe Kapitel 10: Das Dekanat

 

Vergrößern?
Hochaltar um 1949

 

 

 

Vergrößern?
Wandbilder nach 1945,
Dreifaltigkeitsgruppe auf der Mittelwand nach El Greco

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Innenansicht nach 1973,
Foto von 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gemeindehaus der Dreifaltigkeitsgemeinde

 
 

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